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Soll man es empfehlen, Philosophie zu studieren? — 11.2005

Stamer in philosophie.de

Gerade ist ein Abiturient zu mir gekommen, der einen nicht ganz unbekannten Philosophen besucht hatte, um sich von ihm für ein Studium der Philosophie beraten zu lassen. Der nicht unbekannte Philosoph hatte ihm entschieden abgeraten. Das Philoso- phiestudium böte überhaupt keine Berufsperspektive mehr. Immer mehr Stellen an den Universitäten würden gestrichen. Und er wolle ja wohl nicht als Taxifahrer enden. Hoffnung könne er ihm jedenfalls machen. Der Abiturient hätte nun verwirrt sein müssen nach einer solch niederschmetternden Aussicht, die ihm ein Mann vom Fach servierte. Aber das war überhaupt nicht der Fall. Ganz im Gegenteil, amüsierte er sich über die höchst resignative Einstellung des Professors an einer der berühmtesten Universitäten des Landes. Und ganz im Gegenteil ist auch seine Absicht , Philosophie zu studieren, durch die Schwarzmalerei des Professors nicht in geringsten in Zweifel geraten. Ja klar, könnte man sagen, die Jugend hat eben noch nicht den Blick für die Realität. Und man könnte auch darauf hinweisen, dass einst Schiller den jungen Novalis nicht zur Lyrik geraten hat, sondern ihm dringend anempfahl, eine vernünftige Berufswahl zu treffen. Wer kennt ihn nicht, den väterlichen Spruch, doch nicht eine der brotlosen Künste zum Beruf machen zu wollen. Und es trifft zu, dass Stellen gestrichen werden. Und es trifft zu, dass ein hoher Prozentsatz der Absolventen des Philosophiestudiums in einem Job landen, zu dem sie kein Studium brauchten – abgesehen von dem ebenfalls hohen Pro- zentsatz der Studienabbrecher. Kann es also ein vernünftiger Vertreter der Philosophie einem Abiturienten raten, Philosophie zu studieren?

Was ist Realität? Worin besteht ein Realitätssinn? Es ist die Frage, wie weit sich der ältere Ratgeber mit seinem Realismus, den er sich zu Gute hält, selbst durchschaut. Zunächst setzt ja der Professor, der sicherlich über die Streichungen von Stellen an der Universität empört ist, und der sicherlich auch deprimiert ist, weil er seinen Studen- ten keine großartigen und sicheren Perspektiven zu einer Berufsausübung als Philosoph geben kann, mit seiner negativen Einstellung die Tendenz zur Stellenstreichung und überhaupt zur Verringerung des quantitativen Anteils der Geisteswissenschaft an den Studienfächern fort. Er fängt mit seiner Haltung gewissermaßen die Studenten schon vor Beginn des Studiums ab. Er löst das Problem der Bürokratie mit arbeitslosen Studien- abgängern, das später entsteht, schon am Anfang – selbstverständlich außerordentlich wohlmeinend. Sicherlich versteht er sich ernsthaft als ehrlicher Berater der Jugendlichen. Aber dass er zugleich der Agent der Bürokratie, bzw. einer Gesellschaft ist, die junge Menschen in die Arbeitslosigkeit schickt, das ist ihm wohl entgangen. Entgangen ist ihm auch wohl, dass der Realismus eines älteren Menschen ein anderer ist als der eines jungen Menschen. Der ältere trägt keine Berge mehr ab, der junge mag daran scheitern, es zu wollen, aber bis zu dem Zeitpunkt, an dem er scheitert, ist nicht gewiß, ob er scheitert.

Jugend setzt etwas in Bewegung. Es steht nicht fest, ob die Eingliederung einer stets wachsenden Zahl qualifizierter junger Menschen in die Schubläden der sozial abgesicher- ten Arbeitslosenstatistik wirklich gelingt. Die Gesellschaft ist im Fluß. Er kann so gar nicht mehr weitergehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange es so noch weiter- geht. Dies zu wissen, wäre einem Philosophen würdig. Sich darauf vorzubereiten, das wäre eine Sicht der Dinge, die einem Philosophen entspräche. Diesen Wandel nicht nur vorauszusehen und sich darauf einzustellen, sondern mit Ideen ihn zu beschleunigen, ihn zum Durchbruch zu verhelfen, das wäre die Konsequenz für einen Philosophen – zumal für einen jungen; für einen älteren aber, ihn auf diese anstehende gesellschaft- liche Auseinandersetzung vorzubereiten. So aufgefaßt würde die Philosophie lebendige aktuelle Philosophie sein, als deprimierter hingegen die Studenten zu verscheuchen, ist der Verlust des philosophischen Elans. Da bekommt der alte Vorwurf gegen die Philoso- phie, dass sie doch im Kern unpraktisch sei, neue Nahrung In ihrer resignativen Form ist sie unpraktisch. Die Gesellschaft braucht dringend Philosophie in dieser Zeit, in der alles der Ökonomie zu verfallen scheint, in der ungeahnte Probleme bestehen, die nicht einmal angefasst sind – von den geahnten und gewussten ganz zu schweigen. Die Ge- sellschaft braucht Philosophen, deshalb ist es unverantwortlich, wenn Philosophen vom Philosophiestudium abraten.

Machen wir Älteren uns nicht die Sorgen um die Jugend. Das war schon immer lächer- lich. Die Jugend ist und bleibt im Aufbruch und die altväterliche Besorgtheit – womöglich noch für Weisheit gehalten – ist nicht ihre Realität.

Gerhard Stamer auf philosophie.de

Vom Nutzen und Nachteil der Philosophie für die Gesellschaft — 05.2005 1

Stamer in phiolosophie.de

Die Philosophie soll raus aus dem Elfenbeinturm. Sie soll ihren Nutzen für die Ge- sellschaft erweisen. Wie zu allen Zeiten wird ihr vorgeworfen, sie habe die Welt nur verschieden interpretiert. Und tatsächlich: Was springt denn rein ökonomisch aus den philosophischen Gedanken heraus? Die Philosophie rechnet sich nicht. Zum Glück wan- delt sich das Bewusstsein der Philosophen. Sie wollen praktisch werden. Praktische Phi- losophie ist en vogue. Philosophen werden nicht nur Lehrer und Journalisten wie früher, sie werden heute Unternehmensberater, Eheberater, Supervisoren, Mediatoren, Direk- toren von Stiftungen und so weiter. Wirtschaftsethik und Ethikkommissionen bis hin zur Regierung haben Konjunktur. Führungsakademien und Seniorenuniversitäten sprie- ßen aus dem Boden. Fachbereiche „philosophy and economics“ werden an Universitäten eingerichtet. Eine internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis reüssiert.

Es gibt keinen Zweifel: die Philosophie dient der Gesellschaft. Auch die Philosophie- studenten beginnen, sich am Markt zu orientieren: Welchen Beruf ergreife ich, wenn ich keine Stelle an der Uni bekomme, was wahrscheinlich ist? Wie schneide ich mein Studium auf eine zukünftige Berufsausübung zu? Hätte ich nicht doch gleich etwas Praktischeres studieren sollen wie Betriebswirtschaft, Jura oder Medizin? Halt! mag da jemand rufen, der bereits Geld mit der Philosophie verdient: Ist dieser Anspruch auf Praktikabilität, die vollkommene Reduzierung auf ihren Gebrauchswert, der Philosophie nicht eigentlich we- sensfremd? War Philosophie nicht immer eine vita contemplativa? Stand die Philosophie seit Platon nicht immer in kritischer Distanz zu den aktuellen politischen und gesell- schaftlichen Verhältnissen? Hat sie nicht immer Ideen in die Welt gesetzt, die praktisch nicht zu realisieren waren, was ihr zu allen Zeiten den Ruf eintrug, weltfremd zu sein? War Philosophie nicht immer mit ihren Ideen, Idealen und Utopien wie ein Blinkfeuer am Horizont, dass in allen Wirren und Zwängen der Gegenwart Orientierung gab? Sicher, das Blinkfeuer war fern, es hat dem Seemann nicht sagen können, wie er das Schiff in den Wind stellt, aber es gab doch die Richtung an. Konkrete Hilfe bei der Arbeit leistete das Blinkfeuer nie: Aber was, wenn es hieran gemessen würde? Wenn es missachtet und abgeschafft würde, weil nur gelten solle, was unmittelbar in der gegenwärtigen Arbeit zum Einsatz kommt? Wäre das Defizit kompensierbar?

Die Philosophie hat die Welt des Seins stets mit der Welt des Sollens konfrontiert. Sie hat in der Gegenwart an die Zukunft erinnert, sie hat angesichts der Wirklichkeit die Möglichkeit zu Bewusstsein gebracht und angesichts der Notwendigkeit die Freiheit. Sie hat nachgewiesen, dass die Zukunft, die Möglichkeit und die Freiheit a priori zur spezifischen Realität des Menschseins gehören.

Wenn die Gefahr besteht, das Blinkfeuer außer Kraft zu setzen: Was ist dann die Aufgabe der Philosophie? Ohne Perspektive und Richtung mitzuwuseln? Dann kann die Aufgabe der Philosophie nur die sein, das Blinkfeuer wieder zu errichten und seine Be- deutung klar zu machen. Ohne dies zu tun, kann sie sich beispielsweise in der Kritik in einer Weise verlieren, dass sie nur noch das Grau in Grau des Bestehenden abschildert, ohne – wie unter dem Bann eines Bilderverbots – jemals zur Darstellung des Eigenen zu gelangen. In kritischer Absicht würde sie kontraproduktiv das Bestehende verabsolutieren. Oder sie könnte sich darauf einlassen, tüchtig beratend mitzumischen – bis sie endlich Anerkennung gewinnt.

Aber wozu wäre sie imstande, ohne Blinkfeuer zu sein? Würde sie mit ihrer traditionel- len Argumentationskompetenz bei Entlassungen die Unumgänglichkeit dieses Vorgangs den Betroffenen vor Augen führen, um sie zur konfliktfreien Einwilligung zu bewegen? Würde sie Erklärungen entwickeln, wie zur Verteidigung der Menschenrechte die Rüs- tungsproduktion wegen der Ausrottung des Terrorismus nicht eingestellt werden könnte? Würde sie alles daransetzen, um die Umweltzerstörung auf ein erträgliches Maß zu re- duzieren? Würde sie mehr sein als das fünfte Rad am Wagen? Würde sie mehr sein, als eine rhetorische, verharmlosende Verbrämung bei der Durchsetzung von vermeintli- chen Sachzwängen? Würde sie mehr sein, als Argumentationshilfe zur Legitimation und Akzeptanz von Entscheidungen, die die Globalisierung allem Anschein nach fordert?

In Zeiten der Dunkelheit hat Philosophie das Blinkfeuer am Leuchten zu halten. Den- ker in dürftiger Zeiten sollten nicht mitwuseln, so gut sie es meinen, sie sollten Philoso- phie machen. Sie sollten der Verführung des Mitwirkens widerstehen. Unter dem schönen Titel der Beratung wuchert schnell die Korruption.

Was also soll er tun, der Philosoph? Was heißt, Philosophie machen? Das heißt in erster Linie, überhaupt die Philosophie in dieser Hektik technisch-wirtschaftlicher Entwicklung, die wir Globalisierung nennen, als Disziplin der Besinnung am Leben zu erhalten. Die Frage am Leben zu erhalten, was der Mensch denn eigentlich ist. Die Frage am Leben zu erhalten, ob es denn doch eine kosmische Ordnung gibt, von der die Religionen reden? Ob es denn doch Ideen gibt, wie die Gerechtigkeit, den Frieden und die Freiheit, die zum Wesen eines vernunftbegabten Wesens gehören, wie es der Mensch ist.

Als vita contemplativa hat die Philosophie großen gesellschaftlichen Nutzen – heute wie zu allen Zeiten.

Gerhard Stamer

auf philosophie.de