Monate: April 2016

Aktivitäten Dr. Gerhard Stamer 2016

Kurse im FZH Lister Turm

INFINITUM MOBILE

Club der lebenden Denker

6. Mai Architekturphilosophischer Spaziergang in München auf Einladung des BDA Bayern

23. Mai Europa – als Wertegemeinschaft schon erschöpft? Vortrag auf Einladung von Prof. Dr. em. Klaus Wächtler, Eutin

11./12. Juni Parmenides und Heraklit. Lehrauftrag an der Universität Bamberg

25./26. Juni Parmenides und Heraklit. Lehrauftrag an der Universität Bamberg

11. – 15. Juli Lehrerfortbildung Ethik in Achatswies / Bayern, Veranstalter: Akademie für Politische Bildung / Tutzing

10. – 14. Oktober Goethe als Philosoph/ Studienreise mit Prof. Dr. Christian Illies und Studenten der Uni Bamberg nach Weimar

27.10. – 3.11. Studienreise nach Epidaurus / Kooperationslehrgang mit PI München und der APB Tutzing / Thema: Politik und Tugend in der Philosophie Platons

21.11.- 25.11. Studienreise nach Sylt / Akademie am Meer / Thema: Das Erhabene bei Kant

3./4. 12. Karl Marx: Die theoretischen Grundsätze, wie sie in den Frühschriften entwickelt werden und die Frage nach ihrer Relevanz für die Gegenwart. Lehrauftrag an der Uni Bamberg

10./11.12. Karl Marx: Die theoretischen Grundsätze, wie sie in den Frühschriften entwickelt werden und die Frage nach ihrer Relevanz für die Gegenwart. Lehrauftrag an der Uni Bamberg

 

Leibniz-Tage

Der Leibniz-Tag wird seit 2006 jedes Jahr am 1. Juli – dem Geburtstag von Leibniz – von Reflex in Kooperation mit anderen Institutionen veranstaltet. Leibniz-Veranstaltung von REFLEX im Jahre 2013 Wie man als aufgeklärter Mensch religiös sein kann. Leibniz und die Theodicé Szenische Lesung, 27. September 2013  Text und Textbearbeitung: Gerhard Stamer; Sprecher: Harald Schandry und Gerhard Stamer; Musik: Gudrun Ravens, Flötistin.   Leibniz-Tag 2011 – Szenische Lesung „Ob es im menschlichen Geiste angeborene Ideen und Begriffe gibt“ – vornehmer Streit – Text und Textbearbeitung: Gerhard Stamer Sprecher: Harald Schandry und Gerhard Stamer Durch eine Komposition von Eduardo Flores Abad, freischaffender Komponist, Medienkünstler und Musikinformatiker wird der Dialog vertieft. 1. Juli 2011, 19:00 Uhr Theatermuseum, Prinzenstraße 9   Leibniz-Tag 2009 – Die universale Harmonie. Leibniz‘ optimistische Weltsicht Unter der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Stephan Weil und in Kooperation mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und der Leibnizschule wird der diesjährige Leibniz-Tag wieder – wie seit 2006 – am 1. Juli, dem Geburtstag von Leibniz, von dem philosophischen Institut REFLEX ausgerichtet  Vortragssaal des Historischen Museums Beginn: 19:00 Uhr. Eröffnung von …

In welcher Zeit philosophieren wir? — 01.2006

Stamer in philosophie.de

Nachklang zu Harold Pinters Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises an ihn.

Manchmal frage ich mich, ob uns eigentlich richtig klar ist, in welcher Zeit wir philo- sophieren und leben. Manchmal habe ich das Gefühl, wir Philosophen – mit der großen Tradition des Fachs auf dem Rücken, ein gutes Kamel würde Nietzsche höhnen – haben noch nicht zu brüllen begonnen, sind noch keine Löwen geworden, was wir auch eigentlich noch nie gewesen sind. Oder wollen wir gleich zur Unschuld des Kindes übergehen?

Noch einmal: In welcher Zeit philosophieren wir? Schaffen wir es, unsere Zeit in Ge- danken zu fassen, unsere Zeit auf den Begriff zu bringen, selbst wenn wir an unsere Zeit den Maßstab des Unendlichen anlegen? Oder haben wir gar nicht diese Aufgabe? Verheben wir uns an ihr? Sollten wir der Tradition unbeirrbar zugewandt bleiben, um gegen die Ablenkungen der Gegenwart gefeit zu sein und nicht selbst in den Strudel mit hineingezogen zu werden? Sind wir am präsentesten, wenn wir das Unendliche und Zeit- lose in den Katastrophen der Zeitläufe festhalten? Wollen wir den Engel spielen, der mit dem Rücken in die Zukunft fliegt? Oder tauchen wir ein in die Fluten der Gegenwart, um aktuell zu sein? Es ist nicht leicht, in Zeiten des Wandels Philosoph zu sein.

Harold Pinter, der Dichter, kein Philosoph, hat gewissermaßen vom Olymp herunter zu unserer Zeit Stellung genommen. In seiner Nobelpreisrede prangert er die Politik der Vereinigten Staaten von Amerika unversöhnlich an.

„Wie jeder der hier Anwesenden weiß, lautete die Rechtfertigung für die In- vasion des Irak, Saddam Hussein verfüge über ein hoch gefährliches Arsenal an Massenvernichtungswaffen, von denen einige binnen 45 Minuten abgefeu- ert werden könnten, mit verheerender Wirkung. Man versicherte uns, dies sei wahr. Es war nicht die Wahrheit.“

„Jeder weiß, was in der Sowjetunion und in ganz Osteuropa während der Nachkriegszeit passierte: die systematische Brutalität, die weit verbreiteten Gräueltaten, die rücksichtslose Unterdrückung eigenständigen Denkens. All dies ist ausdrücklich dokumentiert und belegt worden.“

„Aber ich behaupte hier, dass die Verbrechen der USA im selben Zeitraum nur oberflächlich protokolliert, geschweige denn eingestanden, geschweige denn überhaupt als Verbrechen wahrgenommen worden sind. Ich glaube, dass dies benannt werden muss, und dass die Wahrheit beträchtlichen Einfluss darauf hat, wo die Welt jetzt steht.“

„Nach dem Ende des 2. Weltkriegs unterstützten die Vereinigten Staaten jede rechtsgerichtete Militärdiktatur auf der Welt, und in vielen Fällen brachten sie sie erst hervor. Ich verweise auf Indonesien, Griechenland, Uruguay, Bra- silien, Paraguay, Haiti, die Türkei, die Philippinen,…und natürlich Chile. Die

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Schrecken, die Amerika Chile 1973 zufügte, können nie gesühnt und nie ver- ziehen werden. In diesen Ländern hat es Hunderttausende von Toten gegeben. Hat es sie wirklich gegeben? Und sind sie wirklich alle der US-Außenpolitik zuzuschreiben? Die Antwort lautet ja, es hat sie gegeben, und sie sind der amerikanischen Außenpolitik zuzuschreiben. Aber davon weiß man natürlich nichts.“

„Was ist aus unserem sittlichen Empfinden geworden? Hatten wir je eines?“

Pinters Rede ist in zweierlei Hinsicht ein Skandal. Sie ist ein Skandal, wenn das stimmt, was er sagt und sie ist ein Skandal, wenn das nicht stimmt, was er sagt. Denn wenn es stimmt, ist unser Erdball der Politik einer verbrecherischen Supermacht ausgesetzt, wenn nicht, dann ist diese Rede eines Nobelpreisträgers die übelste Verleumdung der herrschenden Ordnungsmacht und des Landes der Demokratie, die in der Öffentlich- keit möglich ist. Und sie muß sofort zurückgenommen werden. Sie muß Folgen haben, mindestens ein juristisches Nachspiel, dass ihn zur Rechenschaft zieht, ihn als gemeinen Lügner bloßstellt.

Aber was ist geschehen? Unser Blätterwald geht sehr zurückhaltend mit dieser Rede um. Sonst immer um jeden Skandal bemüht, wird hier nichts ausgeschlachtet. Es sieht so aus, als ignoriere man die Rede oder distanziere sich bloß von ihrer ungehemmten Polemik. Zwar sickert die Rede in der Öffentlichkeit durch, aber sie steht nirgendwo auf der ersten Seite. Sie ist höchstens eine kleine Notiz wert. Was soll man daraus schließen?

Offensichtlich zunächst, dass Harold Pinter nicht in skandalöser Weise Märchen aufge- tischt hat, ansonsten hätte man ihn öffentlich gesteinigt. Für relativ harmlose moralische Verfehlungen werden Menschen von den Medien gnadenlos verfolgt. Es muß was dran sein an seiner Anklage. Es ist was dran. Denn das, was er anführt, ist in vielen seriösen Veröffentlichungen – und zwar seit Jahren – zu lesen. Man muß sie nicht zitieren. Sie sind bekannt. Es ist nichts Neues, keine Enthüllung, was Pinter vorbrachte. Nur dass es ein Nobelpreisträger auf der höchsten Stufe kultureller Adelsverleihung sagt, das ist das Neue.

Pinters Rede hat etwas von einem Ausdruck der ungezügelten Emotionalität. Sie schreit etwas heraus, wie Kassandra vor dem Untergang Trojas. Es ist nur ein Schrei. Die absolute Macht ist auf der anderen Seite. An ihr prallt der Schrei wie ungehört ab. An dem Schrei spürt man schon die Verzweiflung der Machtlosigkeit. Er wird nichts bewirken. Das Unheil geht weiter. Das sagt der Schrei, aber immerhin, er sagt es. Und er schreit es.

Warum schreit unsere Presse, warum schreien unsere Medien nicht? Das ist die Frage. Denn wenn Pinter Recht hat, dann muß man schreien oder sehr ruhig werden wie ein Seemann bei harter See. Wenn man weder das eine noch das andere tut, dann ist das, was Pinter tat, peinlich, wie immer wenn jemand plötzlich die unangenehme Wahrheit emotional äußert.

In welcher Zeit philosophieren wir? — 01.2006 3

Die Zurückhaltung der Medien angesichts der Rede von Pinter riecht nach Peinlichkeit. Warum Peinlichkeit? Weil er Recht hat, aber die Medien – und der überwiegende Teil der Bevölkerung längst dazu übergegangen sind, den Skandal als Normalität zu empfinden. Die einen sind moderat, die anderen stecken den Kopf in den Sand. Es gibt Leute, die sehen weg, wenn auf der anderen Straßenseite ein Verbrechen geschieht. Und es gibt Zeiten, in denen die Menschen so leben, als würden sie von ihrer Gegenwart wegsehen. Aber Europa ist nur dann stark, wenn es moralisch stark ist. Das ist der Dreh- und Angelpunkt der Europafrage. Die aktuelle Identität Europas liegt in der Moral. Sie muß erworben werden. Im Wetteifern auf ökonomischer Ebene wird Europa sich verlieren. Im Rückblick wird sie nicht gefunden.

Es geht nicht bloß um die Forderung, dass Guantanamo geschlossen wird – das selbst- verständlich auch! –, es geht um die Forderung, dass gegen die amerikanische Regierung der Prozeß gemacht wird wegen Kriegsverbrechen, denn das ist die einzige logische Kon- sequenz, wenn die Begründung des Krieges erlogen ist. Und diese Forderung lässt sich nicht vom Tisch wischen mit dem Vorwurf des Antiamerikanismus. Den stärksten Anti- amerikanismus betreibt die gegenwärtige Regierung der USA.

Und wir Philosophen? Wollen wir den kategorischen Imperativ in Zukunft nur noch am Sonntag festlich predigen? Oder ist er das scharfe, unantastbare, keinem Schacher auszuliefernde Kriterium der Menschenrechte und Menschenwürde?

Gerhard Stamer
auf philosophie.de

Was ist Philosophische Praxis? — 12.2005

Stamer in philosophie.de

Ein Gespenst geht um, nicht in Europa, aber in der Philosophie. Was ist philosophi- sche Praxis, wenn sie groß geschrieben wird: Philosophische Praxis? Etwas anderes als praktische Philosophie?

Viele wissen es, dass dies eine Richtung in der Philosophie ist, die von Gerd Achenbach Anfang der 80er Jahre initiiert wurde und Beratungen anbot, vornehmlich mit einem außeruniversitären Verständnis. Eine Gesellschaft wurde gegründet, die sich zunächst „Gesellschaft für Philosophische Praxis“ (GPP) nannte, dann später wegen der zahlrei- chen internationalen Kontakte „Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis“ (IGPP). Der Initiator hat vor zwei Jahren den Vorstand verlassen. Seither hat die Gesell- schaft einen offeneren Charakter und unverkennbar eine programmatische Entwicklung genommen. Zur Beratung ist die Bildung als ein zweiter Bereich der Praxis hinzugetre- ten. Nicht dass Bildung zuvor in der IGPP nicht betrieben wurde, aber sie bestimmte nicht das Selbstverständnis der Philosophischen Praktiker.

Philosophische Praxis – inzwischen auch von vielen Dozenten an der Universität nicht nur anerkannt, sondern auch gefördert, wenn nicht sogar selbst betrieben – weitet sich immer mehr aus zu einer ernst zu nehmenden Alternative zu der traditionellen univer- sitären philosophischen Ausbildung und Forschung. Das ist nicht verwunderlich, denn einerseits erhält sie ständig Zulauf von Studenten, die ihr Studium absolviert haben, aber keine Tätigkeit an der Universität finden; andererseits erweist sich die Gesellschaft in vielen Bereichen geradezu als philosophiebedürftig.

Philosophen sind kompetent:

  • in der Begründung von Werten,
  • in der Analyse fachübergreifender, komplexer Gegenwartsfragen und -probleme,
  • in der Reflexion auf politische Probleme der modernen Wissenschaft und Technik,
  • in der Gesamtdeutung der historischen Situation,
  • in der Aktualisierung theoretisch systematisierter historischer Erfahrung,
  • in der Beratung überökonomischer Zusammenhänge in der Wirtschaft, sowie in der Politik und in anderen Disziplinen,
  • in der Hilfe zur persönlichen Identitätsfindung, im Gespräch über Sinnfragen,
  • in der Ausbildung eines kritischen Bewusstseins, das Distanz zum Zeitgeist ermög-licht.Dies ist eine Zusammenstellung, die keinen systematischen oder abschließenden An- spruch erhebt, aber sichtbar macht, wie breit das Angebot ist, das von Philosophen ausgehen kann und ausgeht. Es zeigt, welche Aufgaben Philosophen übernehmen kön- nen.

Was ist Philosophische Praxis? — 12.2005 2

Vor dieser Entwicklung kann die universitäre Philosophie die Augen nicht verschlie- ßen. Sie wird sich den gesellschaftlichen Aufgaben stellen müssen. Auch wenn natürlich die alten Bahnen eingefahren sind, macht sich doch längst auch an den Universitäten ein verstärktes Interesse an den Tätigkeiten von Philosophen außerhalb der Universität bemerkbar. Zum Beispiel wirken an dem von mir geleiteten Institut REFLEX Dozenten der Universität seit über einem Jahr im Beirat mit. An mehreren Vortragsreihen, zu denen ich einlud, nahmen namhafte akademische Experten teil. Auch der Beirat der IG- PP setzt sich aus bekannten Professoren zusammen. Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Man muß nicht offene Türen einrennen wollen.

In dieser Situation ist die Philosophie an der Universität gefordert. Ihr kommt jetzt auch die Aufgabe zu, Studenten auf ihre außeruniversitäre Tätigkeit vorzubereiten. Und dies mindestens in dreierlei Hinsicht:

  • Studenten müssen die Fähigkeit erwerben, philosophische Texte nicht nur sich selbst anzueignen und zu interpretieren, sondern sie müssen Menschen, die nicht Philosophie studiert haben, sie vermitteln können.
  • Es muß die Fähigkeit erworben werden, philosophische Texte nicht nur zu inter- pretieren, sondern sie auch auf die gesellschaftliche Gegenwartssituation beziehen zu können.
  • Es muß Philosophie in einer Form vermittelt, bzw. gelehrt werden, dass bei der praktischen Inanspruchnahme in den verschiedenen Praxisfeldern außerhalb der Universität die theoretischen Grundlagen nicht verloren gehen; anders: dass die Philosophie als vita contemplativa und ihre theoretische Seite nicht vor die Hunde geht.Diese notwendig gewordene Erweiterung der Aufgabenbestimmung an der Universität wird dazu beitragen, die Bedeutung der Philosophie in der Öffentlichkeit zu verstärken, so dass sie die Orientierung stiftende Rolle erlangt, die keine andere Disziplin auszufüllen vermag.—
    Gerhard Stamer auf philosophie.de

Soll man es empfehlen, Philosophie zu studieren? — 11.2005

Stamer in philosophie.de

Gerade ist ein Abiturient zu mir gekommen, der einen nicht ganz unbekannten Philosophen besucht hatte, um sich von ihm für ein Studium der Philosophie beraten zu lassen. Der nicht unbekannte Philosoph hatte ihm entschieden abgeraten. Das Philoso- phiestudium böte überhaupt keine Berufsperspektive mehr. Immer mehr Stellen an den Universitäten würden gestrichen. Und er wolle ja wohl nicht als Taxifahrer enden. Hoffnung könne er ihm jedenfalls machen. Der Abiturient hätte nun verwirrt sein müssen nach einer solch niederschmetternden Aussicht, die ihm ein Mann vom Fach servierte. Aber das war überhaupt nicht der Fall. Ganz im Gegenteil, amüsierte er sich über die höchst resignative Einstellung des Professors an einer der berühmtesten Universitäten des Landes. Und ganz im Gegenteil ist auch seine Absicht , Philosophie zu studieren, durch die Schwarzmalerei des Professors nicht in geringsten in Zweifel geraten. Ja klar, könnte man sagen, die Jugend hat eben noch nicht den Blick für die Realität. Und man könnte auch darauf hinweisen, dass einst Schiller den jungen Novalis nicht zur Lyrik geraten hat, sondern ihm dringend anempfahl, eine vernünftige Berufswahl zu treffen. Wer kennt ihn nicht, den väterlichen Spruch, doch nicht eine der brotlosen Künste zum Beruf machen zu wollen. Und es trifft zu, dass Stellen gestrichen werden. Und es trifft zu, dass ein hoher Prozentsatz der Absolventen des Philosophiestudiums in einem Job landen, zu dem sie kein Studium brauchten – abgesehen von dem ebenfalls hohen Pro- zentsatz der Studienabbrecher. Kann es also ein vernünftiger Vertreter der Philosophie einem Abiturienten raten, Philosophie zu studieren?

Was ist Realität? Worin besteht ein Realitätssinn? Es ist die Frage, wie weit sich der ältere Ratgeber mit seinem Realismus, den er sich zu Gute hält, selbst durchschaut. Zunächst setzt ja der Professor, der sicherlich über die Streichungen von Stellen an der Universität empört ist, und der sicherlich auch deprimiert ist, weil er seinen Studen- ten keine großartigen und sicheren Perspektiven zu einer Berufsausübung als Philosoph geben kann, mit seiner negativen Einstellung die Tendenz zur Stellenstreichung und überhaupt zur Verringerung des quantitativen Anteils der Geisteswissenschaft an den Studienfächern fort. Er fängt mit seiner Haltung gewissermaßen die Studenten schon vor Beginn des Studiums ab. Er löst das Problem der Bürokratie mit arbeitslosen Studien- abgängern, das später entsteht, schon am Anfang – selbstverständlich außerordentlich wohlmeinend. Sicherlich versteht er sich ernsthaft als ehrlicher Berater der Jugendlichen. Aber dass er zugleich der Agent der Bürokratie, bzw. einer Gesellschaft ist, die junge Menschen in die Arbeitslosigkeit schickt, das ist ihm wohl entgangen. Entgangen ist ihm auch wohl, dass der Realismus eines älteren Menschen ein anderer ist als der eines jungen Menschen. Der ältere trägt keine Berge mehr ab, der junge mag daran scheitern, es zu wollen, aber bis zu dem Zeitpunkt, an dem er scheitert, ist nicht gewiß, ob er scheitert.

Jugend setzt etwas in Bewegung. Es steht nicht fest, ob die Eingliederung einer stets wachsenden Zahl qualifizierter junger Menschen in die Schubläden der sozial abgesicher- ten Arbeitslosenstatistik wirklich gelingt. Die Gesellschaft ist im Fluß. Er kann so gar nicht mehr weitergehen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange es so noch weiter- geht. Dies zu wissen, wäre einem Philosophen würdig. Sich darauf vorzubereiten, das wäre eine Sicht der Dinge, die einem Philosophen entspräche. Diesen Wandel nicht nur vorauszusehen und sich darauf einzustellen, sondern mit Ideen ihn zu beschleunigen, ihn zum Durchbruch zu verhelfen, das wäre die Konsequenz für einen Philosophen – zumal für einen jungen; für einen älteren aber, ihn auf diese anstehende gesellschaft- liche Auseinandersetzung vorzubereiten. So aufgefaßt würde die Philosophie lebendige aktuelle Philosophie sein, als deprimierter hingegen die Studenten zu verscheuchen, ist der Verlust des philosophischen Elans. Da bekommt der alte Vorwurf gegen die Philoso- phie, dass sie doch im Kern unpraktisch sei, neue Nahrung In ihrer resignativen Form ist sie unpraktisch. Die Gesellschaft braucht dringend Philosophie in dieser Zeit, in der alles der Ökonomie zu verfallen scheint, in der ungeahnte Probleme bestehen, die nicht einmal angefasst sind – von den geahnten und gewussten ganz zu schweigen. Die Ge- sellschaft braucht Philosophen, deshalb ist es unverantwortlich, wenn Philosophen vom Philosophiestudium abraten.

Machen wir Älteren uns nicht die Sorgen um die Jugend. Das war schon immer lächer- lich. Die Jugend ist und bleibt im Aufbruch und die altväterliche Besorgtheit – womöglich noch für Weisheit gehalten – ist nicht ihre Realität.

Gerhard Stamer auf philosophie.de