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Aufgeklärte Metaphysik — 06.2005

Stamer in philosophie.de

Der Kirchentag von Hannover ist vorüber. Und wer – als Bewohner dieser Stadt – das Glück hatte, dabei zu sein, wird zu mancherlei Fragen gedrängt. Über zweihundert Jahre Säkularisation: und immer noch nicht ist sie an ihr Ende gelangt! So viele junge Menschen tummelten sich in den Tagen in Hannover herum, eben nicht nur ältere regelmäßige Kirchengänger, daß an ein Auslaufen der Religion als Teil der Kultur nicht zu denken ist – selbst in unseren westeuropäischen Breiten nicht; ein Eindruck, der auch in den Tagen vor und nach dem Tod von Papst Johannes Paul II. zu gewinnen war. Von Gleichgültigkeit in der Öffentlichkeit keine Spur.

Wie ist das in Übereinstimmung zu bringen mit der geschichtsphilosophischen Ein- schätzung prominenter Philosophen und Wissenschaftler, daß wir in eine nachmetaphy- sische Etappe der Geschichte eingetreten wären; und daß Aufklärung eigentlich bedeute, die Metaphysik zu überwinden, überwunden zu haben, und damit auch die Religion als rationale Einstellung zu unserer Lebenswelt?

Was ist los? Wie soll man es deuten? Oder ist die Wahrnehmung, daß die Religion noch lebt falsch? Angenommen, sie ist nicht falsch: Wollen die Menschen nicht aufgeklärt leben? Boykottieren sie gegen besseres Wissen die Aufklärung? Lieben sie den Selbstbe- trug so sehr, daß sie lieber in einer schönen Welt der Märchen leben als in der Realität nackter Wahrheiten? Ist es wirklich so, daß die Menschen die Realität nicht ertragen und sich was vormachen müssen? Ist es so, daß wir nicht anders können, als uns das Opium der Religion immer wieder einzuflößen?

Was ist los? Können wir uns nicht vorstellen, das wirklich etwas dran ist an der Re- ligion und Metaphysik? Warum sollten denn die Recht haben, die von dem Ende der Metaphysik und Religion sprachen und sprechen, besonders wenn sie etwa schon einge- stehen, religiös unmusikalisch zu sein? Ist es denn mehr als ein Mitschwimmen mit der Oberströmung des Zeitlaufs zweier Jahrhunderte, von einer nachmetaphysischen Epoche zu sprechen? Sind denn die Fragen der Metaphysik von den Wissenschaften beantwortet? Was mit der Seele nach dem Tode geschieht? Woher die Ordnung in der Welt kommt? Was denn der Geist sei, der zur Erkenntnis befähigt? Und worin das Wunder der Freiheit beruht? Die Negation dieser Fragen ist noch kein Fortschritt. Das Bewusstsein auf die Fragen einzuengen, die empirisch zu beantworten sind, stellt keine Lösung dar, wenn die darüber hinausgehenden Fragen weiterhin in unseren Köpfen bleiben. Verbotsschilder für Fragen sind kein Zeichen für Aufklärung. Ist angesichts dieser Situation nicht eine ganz besondere kopernikanische Wende wieder einmal fällig? Wäre unter diesen Umständen nicht eine theoretische Einstellungsveränderung angebracht, derart, daß nicht mehr da- von ausgegangen wird, die menschliche Geschichte begänne mit dem Mythos und führe zwangsläufig zur mathematisch und empirisch feststellbaren Welt von Fakten und Wer- ten und in Folge dessen zur Überwindung von Religion und Metaphysik, sondern derart, daß Religion und Metaphysik selbst höchst rationale Gebilde der Erkenntnis sind, ja, daß sie zur Aufklärung unserer ins kosmisch Unendliche gehenden Lebenswelt gehören?

Noch einmal: die Negation von Fragen, die uns nicht gleichgültig sein können, ist keine Aufklärung – selbst wenn diese Fragen unbeantwortbar erscheinen oder es sogar sind.

Höchst rational ist hingegen die Unterscheidung zwischen Fragen, die beantwortbar sind und die nicht beantwortbar sind. Nicht das Eliminieren von Fragen ist aufgeklärt, sondern die Klärung ihres Erkenntnisstatusses. Zu sagen, daß ich etwas nicht weiß, ist rationaler, als nur davon zu reden, was ich weiß und über das übrige zu schweigen. Anders: wir sollten auch über das reden, was wir nicht wissen, aber dennoch in unserem Bewusstsein eine Rolle spielt. Von daher ließe sich fragen, ob die wissenschaftliche Position, die sich auf das Mathematische und Empirische beschränkt, nicht selbst eine Zeiterscheinung mangelnder Aufklärung ist, indem sie die Realität dessen, was für Menschen wichtig aber nicht beantwortbar ist, aus ihren Betrachtungen methodisch ausschließt. Lehrreich wäre so zum Beispiel eine Beschäftigung mit dem Techniker und Mathematiker Leib- niz, warum der bei der Physik nicht stehen blieb, sondern zur Metaphysik überging. Vielleicht wäre es auch sinnvoll, die Motive sich zu vergegenwärtigen, die den Denkern früherer Epochen Anlaß zu einer metaphysischen und religiösen Weltsicht gaben. Man muß ja nicht gleich selbst daran glauben, lässt sich beruhigend hinzufügen: es reicht ja, die Motive zu verstehen. Kritische Vernunft ist nur was wert, wenn sie es auch gegen sich selbst ist. Kritik kann auch Unaufgeschlossenheit sein. Es ist schon interessant, daß – ganz anders als seine Gegner – der kritische Geist die eigne Affinität zur Metaphysik zumeist nicht durchschaut, in welcher es auch um die Überwindung einer bornierten, affirmativen Haltung zum jeweils Bestehenden ging. Auch Kritik hat immer – wie die Metaphysik – ein anderes gewusst, das nicht Gegenwart war, aus dem sie ihren Blick- winkel gewann: Grund genug, etwas länger über das Verhältnis kritischer Vernunft und Metaphysik nachzudenken. Selbst Adorno biegt am Ende seiner Negativen Dialektik in Meditationen zur Metaphysik ein.


Gerhard Stamer auf philosophie.de

Wenn es schon eine Dialektik der Aufklärung gibt: warum nicht auch eine Dialektik der Metaphysik? — 04.2005

Stamer in philosophie.de

Als Adorno und Horkheimer zu ihrem Buch „Dialektik der Aufklärung“, das sie 1944 in Amerika geschrieben hatten, 1969 ein Vorwort zur Neuausgabe verfassten, sahen sie sich in ihrer Gegenwartsdiagnose bestätigt. Sie sprachen von „Übergang zur verwalteten Welt“ und von totaler Integration der Menschen, die sich „über Diktaturen und Kriege“ zu vollziehen drohe. Ihr Fazit: „Die Prognose des damit verbundenen Umschlags von Aufklärung in Positivismus, den Mythos dessen, was der Fall ist, schließlich die Identität von Intelligenz und Geistfeindschaft hat überwältigend sich bestätigt.“

Wenn denn an der Dialektik der Aufklärung irgendetwas dran sein sollte, was ich hier gar nicht diskutieren möchte, dann wäre natürlich zumindest der Verdacht naheliegend, daß auch ihr Gegenpart, die Metaphysik, in eine solche Bewegung geraten könnte.

Metaphysik: was war denn das? Und wie wurde sie von den Aufklärern verstanden? Metaphysik setzte unbewiesene und unbeweisbare Spekulationen, wie das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele als Realität voraus. Sie forderte von den Wissenschaf- ten die Anerkennung dieser Spekulationen als Substanz der Wirklichkeit. Sie behinderte den Fortschritt, indem sie die Realität unter dem Aspekt der Ewigkeit und nicht der Geschichtlichkeit betrachtete. In ihrer Verbindung mit der Religion und deren institu- tioneller und gesellschaftlicher Machtausübung verteidigte sie ihre Dogmen und förderte Irrationalismus und Obskurantismus. Sie band die Menschen in Haltungen der kontem- plativen Hinnahme von ungerechten Verhältnissen ein, anstatt sie zur Praxis zu erwecken. Sie begünstigte Unterwürfigkeit und verfemte Emanzipation. Sie glorifizierte das Elend, indem sie diese Welt als die schönste aller möglichen ausgab, anstatt sie der berechtigten Kritik zu unterziehen. Sie baute totalitäre politische Systeme in unsere Köpfe ein und war ein Feind der offenen Gesellschaft, der modernen Demokratie und ihres Pluralismus. Und so weiter.

Wenn das Metaphysik war oder zumindest mit Metaphysik zusammenhing: Welche Dialektik hätte diese Metaphysik vollziehen sollen? Welche ließe sich erwarten? Für welche gibt es Anzeichen?

Adorno und Horkheimer hatten die Geistfeindschaft als ein Zeichen der Dialektik an- gesehen, der die Aufklärung unterworfen war. Sollte die Negation der Metaphysik die Negation des Geistes bedeuten, was auch immer sie sonst bedeutete? Sollte die Meta- physik so mit dem Geist verschwistert sein, daß, wenn man sie überwindet, zugleich den Geist aufgibt? Hat sich denn nicht gerade mit der Aufklärung die Rationalität durchge- setzt? Könnte Rationalität geistlose Intelligenz sein, die „Identität von Intelligenz und Geistfeindschaft“? Ein Monstrum? Jedenfalls war Metaphysik von ihrem Anfang an Leh- re vom Geist: ob als Nous bei Anaxagoras oder als Logos bei Heraklit. Von Platon bis Hegel wird der Geist in den größten metaphysischen Theoremen als das innerste Struk- turprinzip der Wirklichkeit begriffen. Geist nicht nur als Hilfsmittel, die Realität zu erkennen, sondern Geist als das Medium, durch das Erkenntnis der Realität möglich ist, indem in ihm eine Kompatibilität von Denken und Sein, von Subjekt und Objekt der Erkenntnis gewährleistet ist. Bis zu Habermas hin schüttelt sich der Antimetaphysiker angesichts der Unfaßlichkeit des Geistes. Lieber naturwissenschaftliche Faßlichkeit des Erkannten, auch wenn dabei die Kompatibilität von Denken und Sein und von Subjekt und Objekt aus der Reflexion systematisch ausgegrenzt wird!

Sollte die Fassungslosigkeit angesichts der Unfaßlichkeit des Geistes paradoxerweise die Selbsterkenntnis des Geistes verwehren? Sollte die Angst vor der Grenzenlosigkeit des Geistes und der damit verbundenen Offenheit der Metaphysik das erhoffte Heilmittel sein, um das Irdische zu bestehen? Sollte die Philosophie daher so blaß gegenüber der Hirnforschung dreinschauen, weil sie sich nicht mehr die metaphysische Realität des Geistes zu behaupten traut? Oder zwingt die Hirnforschung mit ihrem Generalangriff auf die Autonomie des Menschen die Philosophie – und nicht nur die Philosophie – zu der Dialektik, den Geist auch heute noch als fundamentale Wirklichkeit zu erkennen und anzuerkennen, so unfassbar er auch sei? Wann wird der Umschlag kommen?

Gerhard Stamer
auf philosophie.de

Metaphysik und Existenz

Beitrag zum Katalog der Ausstellung Social Dogma. Ein Filmprojekt von Thomas Henke mit Studierenden der FH Bielefeld. Studiengalerie: 14.07. – 26.09. 2010.
Dr. Gerhard Stamer

„Nur ein Schilfrohr, das zerbrechlichste der Welt, ist der Mensch, aber ein Schilfrohr, das denkt. Nicht ist es nötig, daß sich das All wappne, um ihn zu vernichten: ein Windhauch, ein Wassertropfen reichen hin, um ihn zu töten. Aber, wenn das All ihn vernichten würde, so wäre der Mensch doch edler als das, was ihn zerstört, denn er weiß, daß er stirbt, und er kennt die Übermacht des Weltalls über ihn; das Weltall aber weiß nichts davon.“ (Blaise Pascal, Persées)

Was wäre, wenn die Menschen plötzlich die Physik vergessen hätten? Wir können uns das gar nicht ausmalen. Die gesamte technische Welt, die auf der Physik beruht, würde zusammenstürzen. Wir wüßten nichts mehr mit ihr anzufangen. Könnte es sein, daß die Folgen nicht geringer wären, wenn wie es heute der Fall ist, wir die Metaphysik vergessen hätten, wenn wir kein Verständnis mehr für sie aufbrächten? Es ließe sich natürlich darüber debattieren, wie das hat passieren können. Aber wer den Verlust nicht verspürt, wird keinen Anlaß haben, ihn zu beklagen. Wer ihn jedoch spürt, wird nicht nur dazu in der Lage sein müssen, zu sagen, was Metaphysik sei. Es wird nicht reichen zu wissen, was Metaphysik sei. Es ist nötig zu wissen, was heute den Zugang zu ihr verwehrt und über welchen Weg das Verständnis für sie wieder zu erlangen sei.

Unbestreitbar ist der Ausgangspunkt aller Betrachtungen, die wir über das Leben der Menschen anstellen, die Existenz einzelner Menschen, so banal es sich anhört. Die Einzelheit ist die Grundform der Existenz. Als Einzelne kommen wir auf die Welt. Jeder muß sein Leben führen, keiner das eines anderen. Das Gleiche gilt vom Tod. Jeder stirbt seinen Tod, keiner den eines anderen. Alle Gemeinschaft – auch die der gemeinsamen Sprache – hebt diese Einzelheit nicht auf. Jeder bleibt auch in der Gemeinschaft ein Einzelner. Das Allgemeine ist nichts von den einzelnen Individuen Getrenntes, sondern das, was ihnen allen gemeinsam ist. Der Gesichtspunkt der Einzelheit ist radikal. Wenn meine Einzelheit liquidiert wird, bin ich selbst liquidiert. Keine Vervielfältigung durch das Klonen beispielsweise hebt die Einzelheit auf. Jeder führt ein einmaliges Leben. Keiner kann zur gleichen Zeit an der Stelle eines andern sein. Ein fallender Stein trifft nur ein Exemplar zweier völlig gleicher Individuen. Kein Schicksal ist identisch mit dem eines anderen. Einzelheit bedeutet Einzigartigkeit.
Das wird nun aber zumeist nicht so empfunden. Die Dimensionen, die heute unsere Lebenswelt bestimmen, lassen das Verständnis für die Einzelheit nicht aufkommen. Das betrifft die Naturwissenschaft wie die Technik und die Ökonomie. Auch wenn es in der Medizin oder der Justiz nicht ohne die Einzelfallbehandlung geht, es kann keine Naturwissenschaft der Einzelfälle geben. Die Methode der Naturwissenschaft besteht darin, allgemeine Gesetze zu ermitteln. Welcher Stein im einzelnen fällt, interessiert die Naturwissenschaft nicht, ihr Interesse als einer Theorie ist auf das Gesetz gerichtet, nach dem er fällt. In der Gleichgültigkeit der Objektivität stellen sich keine metaphysischen Fragen. In naturwissenschaftlicher Einstellung bin ich prinzipiell nur ein Objekt, von denen es viele gibt. Es muß verwaltet, ausgebildet, mit Arbeit versehen werden usw.
Das betrifft auch die Technik. Die technische Umsetzung der naturwissenschaftlichen Gesetze ist – bis auf Ausnahmen – ebenfalls auf die Produktion von Serien gerichtet, nicht auf die Herstellung von Unikaten. Würde jedes Auto eine singuläre technische Form besitzen, so daß die Anwendung für jedes Auto verschieden wäre, gäbe es keine Fahrschulen; für jedes einzelne Auto müßte eine eigene Bedienung erlernt werden. Jede Brücke, die errichtet wird, hätte ganz spezifische Konstruktionsbedingungen, die nur für sie relevant wären. Ein Lernen, d.h. der Erwerb allgemeiner Kenntnisse, die beim Bau jeder Brücke Anwendung fänden, nur spezifiziert werden müßten, gäbe es nicht. Lernen wäre in der Konsequenz ausgeschlossen.

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Daß schließlich das Geld wie die Naturwissenschaft und die Technik Ausdruck eines allgemeinen Tauschwerts ist, in dem der Gebrauchswert erloschen ist zeigt, daß auch im Ökonomischen das Abstrakte, das Allgemeine herrscht.

Naturwissenschaft, Technik und Ökonomie, diese drei Dimensionen, die die moderne Gesellschaft entscheidend bestimmen, bringen also den Vorrang des Allgemeinen gegenüber dem Einzelnen mit sich. Das geschieht unbemerkt und zwangsläufig, bedarf keiner besonderen Entscheidung. Es ist daher kein Wunder, wenn in der Konsequenz diese Blickrichtung auch auf die Menschen selbst angewendet wird, wenn wir uns selbst unter diesen Gesichtspunkten betrachten, deuten und schließlich behandeln. Die einzigartigen Menschenwesen werden auf Quantitäten reduziert wie beliebige Materialien, die verwertet werden: Sie sind Kostenfaktoren im Sozialwesen, Stimmen in Wahlen und Todesfälle in Kriegen.

Solange Menschen sich in der Weise betrachten, verstehen sie weder sich selbst, geschweige denn die Metaphysik. Der Mensch, nicht als allgemeiner, sondern als einzelner muß in den Blick rücken, wenn er seine eigene Lebensform und Wirklichkeit begreifen will. Zumeist unter Zwängen und Gewohnheiten haben wir uns den allgemeinen Lebenbedingungen angepaßt. Nur in Grenzsituationen wie Trennungen, dem Tod nahestehender Menschen, dem Scheitern von Lebensplänen oder schweren Krankheiten steht das Leben als das Ganze der Existenz uns vor Augen. Wir vollziehen es dann nicht nur, sondern erschauen es als das gegebene Sein, erfahren es als persönliche Frage, welche Antwort wir – d.h. jeder einzelne – darauf geben soll. Das Leben ist nichts Vorgeformtes, daß es nur wie auf einer schiefen Ebene herunter zu rollen gilt. Wir stehen ständig in Situationen, in denen wir entscheiden müssen, wie es weitergeht.

Aber das Leben vollzieht sich nicht in Grenzsituationen. Oft öffnen uns sogar Grenzsituationen nicht die Augen. Oft lassen wir auch die Härte des Lebens nicht an uns heran, wir verhalten uns zu uns selbst wie zu einem Allgemeinen, einem Exemplar seiner Art. Man ist nur einer von einer riesigen Menge. Man begreift sich nur quantitativ, d.h. gar nicht.

In solcher Situation birgt das Außergewöhnliche, mit dem wir konfrontiert werden, die Chance, das eigene Ich zu begreifen. Ich begreife es als mein Ein-und-Alles im Sinne des Wortes und überwinde die Haltung der Beliebigkeit gegenüber meinem Ich. Es geht dabei nicht nur um die erkenntnistheoretische Einsicht in das Ich, das „alle meine Vorstellungen begleiten können“1 muß, wie Kant es in seiner Deduktion der reinen Verstandesbegriffe sagt. Es geht darum, wie ich mich in meinem Leben erlebe, ob ich das Gefühl meiner aus Freiheit kommenden Selbstverwirklichung erwerbe oder mich nur den Anpassungszwängen unterworfen verstehe. Es ist die Frage, ob das Außergewöhnliche mich anrührt, anders: ob es die dicke Haut, die ich mir zugelegt habe, um den Alltag zu bestehen, durchdringen kann, damit eine Besinnung möglich wird, in der ich mir mein Leben als Ganzes vor Augen führe.

Wenn das eintritt oder gelingt, ist der erste Schritt in das Gebiet der Metaphysik gemacht. Das bislang als selbstverständlich Hingenommene wird fragwürdig. Das Staunen beginnt. Ist nicht nur die außergewöhnliche Existenz ungewöhnlich und außergewöhnlich, sondern jede, auch meine eigene?

Wenn ich denn eine Einheit von Körper, Seele und Geist sein soll, kann ich denn überhaupt noch etwas mit den Begriffen Seele und Geist anfangen? Wie ist es möglich, daß mein Gehirn in meinem Kopf sitzt und ich ohne mein Hier-und-Jetzt-Sein zu verändern in meinem Bewußtsein weit – bis ins Unendliche – über den Ort meiner Anwesenheit hinausgehen kann?

1 I. Kant, Kritik der reinen Vernunft, B 131

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Bin ich mit allen fernliegenden Gegenständen in Raum und Zeit, die ich denke und mir vorstelle, durch elektromagnetische Wellen verbunden wie kabellose Telephone? Das ist aber wissenschaftlich nicht nachgewiesen. Was verbindet eigentlich das Denken mit dem Sein? Physikalisch geschieht es offensichtlich nicht, denn der Gedanke ist an dem Gegenstand, den ich denke, nicht meßbar oder sonst irgendwie nachweisbar. Aber irgend eine geistige Beziehung besteht doch, denn ich denke einen ganz bestimmten Gegenstand, den ich nicht
der Phantasie entnehme, während andererseits ich es bin, der die Tätigkeit des Denkens ausübt – und nicht der Gegenstand -, durch die er jetzt als Gedanke in meinem Bewußtsein ist. Irgendeine bestimmte Art von Beziehung muß es geben, denn ich denke auch Gegenstände, mit denen ich niemals in räumlichen oder zeitlichen Kontakt stand, die also meine eigene Erfahrung übersteigen. Was befähigt mich dazu? Gibt es ein geistiges Band zwischen meinem Ich und der Welt? Was wäre das: der Geist? Und was bedeutete diese Annahme für meine Sicht der Welt? Wenn ich eine geistige Kompatibilität zwischen Denken und Sein annehme, habe ich die Grenze der Physik überschritten und ich bin mitten in der Metaphysik.

Ich versichere mich dessen, daß diese Gedanken, auf die ich gekommen bin, nicht nur meiner Einbildungskraft entsprungen sind. Bereits Heraklit, 500 Jahre vor Christus, ist auf den Gedanken des Logos gekommen, das „en kai pan“, das Eine, das in allem ist. Übersetzt könnte das heißen: Die eine geistige Potenz, mein Denken, kann, wovon die Wissenschaft unentwegt Gebrauch macht, die verschiedensten Vorkommnisse in Raum und Zeit zum Gegenstand machen, ohne selbst aber dabei den Stoff oder die Form des gedachten Gegenstandes selbst anzunehmen, sondern in allen Denkakten die gleiche eigene immaterielle Qualität zu behalten. Würde sie irgendeine materielle Qualität annehmen oder besitzen, dann müßte sie ihre universelle Qualität, eben geistig in das Wesen der verschiedensten Dinge eindringen zu können, d.h. sie definieren zu können, verlieren. Wir erkennen, daß wenn die Wahrheit – wie die mittelalterliche Bestimmung sagt – die Übereinstimmung von Begriff und Sache ist, sie das größte bisher ungelöste Problem darstellt. Aber weiter: Kann man sich denn diese Beziehung von Denken und Sein nur als eine einseitige Betätigung des Denkens vorstellen? Müßte man sich die gesamte Sphäre, die Raum und Zeit bilden, nicht so vorstellen, daß sie zumindest von der Art ist, das Denken, das Gedachtwerden zuzulassen? Müßte man sich den ganzen Zusammenhang, den Raum und Zeit bilden, nicht so vorstellen, daß er insgesamt auch eine geistige Qualität besitzt und daß das menschliche Denken nur ein Teil, eine Seite davon ist? Wo sollte die menschliche Denkfähigkeit herrühren, wenn nicht aus der Natur selbst? Es sei denn, sie wäre vom Himmel gefallen, dem Menschen zugefallen.

Unversehens sind wir mitten in der traditionellen Metaphysik von Platon bis Hegel gelandet, in welcher der Geist als das eine Allgemeine galt, das die Erkennbarkeit eines jeden einzelnen Phänomens erlaubt und zugleich auch wesentlich zur Struktur der Dinge gehört, die ihre Definition ausmacht.

Wir sind mit unseren Gedanken vom Existenziellen ausgegangen und beim ganz Allgemeinen gelandet. Wobei dies nur eine der Möglichkeiten war, in die Metaphysik einzusteigen.
Die Argumentation scheint ohne Zeitbezug zur Gegenwart zu sein. Tatsächlich aber ist sie fundiert in verschiedenen Richtungen der modernen Philosophie. Nachdem Hegel noch einmal ein gigantisches traditionelles Metaphysikgebäude mit seiner Philosophie errichtet hatte, indem er die Weltgeschichte als den Prozeß der Selbstverwirklichung Gottes interpretierte und darstellte, so daß alles Endliche im Unendlichen enthalten war, trat bereits eine Generation später in der Gestalt von Kierkegaard ein religiöses Philosophieren auf, das gerade aus der Ungewißheit des Endlichen gegenüber dem Unendlichen – man könnte auch sagen: der Verlassenheit von jenem durch dieses – die notwendige und nicht zu überspringende Perspektive des Einzelnen zu neuer Würde brachte. Eine „Leidenschaft des

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Innerlichen“ entsprang für Kierkegaard daraus, dass die Position des Unendlichen vom endlichen, einzelnen Menschen nicht bezogen werden könnte, obwohl paradoxerweise im endlichen Bewußtsein das Unendliche enthalten sei.
Im Allgemeinen zu bleiben, war schon für Goethe das Merkmal eines unverbindlichen Denkens, das die Chance zur Einmaligkeit nicht ergriff und daher seine Wirklichkeit in voller Aufmerksamkeit nicht erfaßte.

Auch in Heideggers Begriff der Eigentlichkeit kommt diese Möglichkeit zum Ausdruck, die Oberflächlichkeit eines Dahinlebens zu durchbrechen, das nur in der Erfüllung von Konventionen in den alltäglichen Verrichtungen aufgeht, ohne das Menschsein in seiner Weite und Tiefe sich bewußt zu machen. Die Gewißheit des eigenen Todes im Leben kann in Sorge und der daraus entspringenden Entschlossenheit eine bewußte Lebensführung bewirken, die den Bedingungen der eigenen Existenz gemäß ist.

Das Unendliche ist an die Existenz des Endlichen gebunden – so realisiert sich Menschsein. Das Endliche wiederum kann dem nicht ausweichen, in den Koordinaten des Unendlichen sich einrichten zu müssen. So ist das Leben der Menschen prinzipiell ein Grenzfall. Dies kann durch die Grenzsituation oder durch das Außergewöhnliche bewußt werden – und dadurch zu einer Lebenseinstellung führen, die den Widernissen des Lebens trotzt.

Theodor W. Adorno hat in seiner Negativen Dialektik dieser Position im Begriff des Nichtidentischen einen kategorialen Ausdruck verliehen, wenn auch in der geradezu hoffnungslosen Einschätzung, daß dieses nur in äußerst seltenen Situationen, in den punktuellen Eingebungen von Künstlern oder Kindern auftreten könnte. Das Prinzip der Identifikation hätte die gesamte Gesellschaft bis in die inneren Strukturen der Individuen hinein erfaßt und geprägt, so daß das Nichtidentische, das Inkommensurable wie es bei ihm heißt, imgrunde nur die Chiffre für Transzendenz ist.

In der Existenzphilosophie von Karl Jaspers gewinnt das Außergewöhnliche, die Ausnahme hingegen einen Wirklichkeitsstatus, wenn auch in ambivalenter Form. Einerseits ist die Ausnahme der „faktische Durchbruch durch jede Weise des Allgemeinen.“2 Andererseits verstünde sich die Ausnahme nur im Gegensatz zum Allgemeinen. Aber die Verschränkung der Ausnahme mit dem Allgemeinen wird von Jaspers noch konsequenter gedacht. Das Allgemeine ist keine hermetisch geschlossene Sphäre gegenüber den einzelnen Ausnahmen. Im historischen Verlauf zeigt sich, daß das Einzelne, das sich aus eigener Unmittelbarkeit gegen das Allgemeine versteht, gerade in Form des Widerstands in das Allgemeine Eingang findet, sich integriert, und wenn nicht, so doch das Allgemeine verändert. Integration des Einzelnen und Veränderung des Allgemeinen stellen einen einzigen Prozeß dar. So gehört die Ausnahme selbst zum prozeßhaft verstandenen Allgemeinen. Jedes Einzelne ist existenziell gesehen eine Ausnahme.

„Die Ausnahme ist nicht nur ein seltenes Vorkommnis an der Grenze – dieses in den äußersten und erschütterndsten Gestalten, wie Sokrates – sondern das Allgegenwärtige jeder möglichen Existenz.“3 Damit ist das menschliche Individuum als der Gegensatz zum Massepunkt gedacht, als Gegenpol zu einer quantitativen Bestimmung.

Ganz eng mit dem Begriff der Existenz ist in der Philosophie von Jaspers die Freiheit verbunden. Sie erfährt sich als durch Transzendenz gegeben.
„Existenz ist das Selbstsein, das sich zu sich selbst und darin zu der Transzendenz verhält, durch die es sich geschenkt weiß, und auf die es sich gründet.“4 Das heißt: Wer durchdringt zu dem Bewußtsein seiner Existenz dringt auch durch zum Bereich der Metaphysik. Metaphysik ist das Ergebnis konsequenter Selbstbesinnung. Ich und Welt, Physik und Metaphysik gehören aufs Engste zusammen. Die Metaphysik verhält sich nicht wie das

2 Karl Jaspers, Existenzphilosophie, Berlin 1956, S. 37 3 ebenda, S. 39
4 ebenda, S. 17

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Unwirkliche zur Physik, sondern Physik und Metaphysik zusammen machen die Wirklichkeit aus.
Metaphysik ist das Fragen nach dem Ganzen, ist die Offenheit für das Fragen über alle Grenzen hinaus, ist die Überzeugung, daß alles nur im Kontext mit dem Ganzen richtig verstanden werden kann, sei dies Ganze der Kosmos, der Logos, das Sein, die Natur oder Gott. Wenn das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, dann ist eine Erkenntnis der Teile ohne Reflexion auf das Ganze ohnehin nicht möglich, d.h. Analyse ohne Synthese ein verfehltes Verfahren.

Das Ich und die Welt als Ganze sind auf wundersame Weise aufeinander bezogen: In einem noch tieferen Sinn als Kant es in seiner Deduktion der reinen Verstandesbeigriffe darstellt. Dort heißt es wie bereits zitiert, „das Ich denke müsse alle meine Vorstellungen begleiten können“. Das transzendentale allen Vorstellungen zugrunde liegende Selbstbewußtsein muß ein Bleibendes sein, wenn eine durchgängige in der Erinnerung aufbewahrte und unentwegt erweiterte Biographie möglich sein soll, ja, wenn überhaupt Erkenntnis möglich sein soll, die nur als fortlaufender Lernprozeß unter der Bedingung der Erhaltung des bereits Erlernten denkbar ist.

Das Ich denke konstituiert aber nicht nur das identische Selbstbewußtsein des menschlichen, biographischen Daseins als einer kontinuierlich sich entwickelnden durchgängigen Einheit, sondern die Welt selbst. Dies ist der tiefste und unmittelbarste Bezug der menschlichen Wirklichkeit zur Metaphysik, anders: ein Beweis dafür, daß Metaphysik direkt zur Wirklichkeit des Menschen gehört. Dies besitzt – methodisch gesehen – eine nicht zu leugnende Evidenz in der inneren Erfahrung, im Erleben des Selbst, in der Gegenwärtigkeit unseres Daseins.

Ohne diese wären wir nicht. Wovon rede ich? Warum konstituiert das Ich die Welt, während es doch anderseits ein Produkt der Natur ist? Was ist Welt? Ohne es kompliziert auszudrücken oder abzuleiten: Zunächst das uns in Raum und Zeit Umgebende mit allen seinen Vorkommnissen. Raum und Zeit sind durch ihre Ausdehnung gekennzeichnet. Im Raum ist alles nebeneinander, in der Zeit alles nacheinander, jeweils bis in die Unendlichkeit. Die Welt, wie wir sie wahrnehmen, ist aber nicht nur ein Neben- und Nacheinander. Würde es nur Raum und Zeit geben, d.h. die Koordinaten der Ausdehnung, dann könnte unser Ich nur ein Glied in der Kette des Nebeneinanders und Nacheinanders sein, und als solches Glied nur Berührung haben mit den Gliedern, die sich vor oder hinter ihm befinden. Gleiches gälte für die Erkenntnis. Wir würden nur von den benachbarten Gliedern etwas wissen. Wir würden wie unser Körper situiert sein. Wir würden nur erkennen, wozu unsere Sinne Zugang verschaffen. Unser mit dem Bewußtsein verknüpftes Ich ist aber von völlig anderer Art. Es überspringt nicht nur die Raum-Zeitpunkte, es überfliegt sie nicht nur, es sammelt sie auch nicht sukzessive auf, sondern transzendiert jeden Ort der physischen Anwesenheit. Indem es nicht nur alle Kenntnisse der gegenwärtigen Situation mit denen der Erinnerung und etwaigen Zukunftsvorstellungen verbindet, sondern alle Informationen gewissermaßen aus allen ontologischen Bereichen wie Physik, Biologie, Gesellschaft, Kultur zu einem Ganzen verknüpft, einem Ganzen, das ihm schon a priori zugehört, schafft es den Zusammenhang, den wir Welt nennen. Diese Befähigung zum Ganzen, die unserem Erkenntnisvermögen zugrunde liegt, ist es, die einen Zusammenhang von allem bildet, was in Raum und Zeit geschieht und in allen Bereichen des Seins vorkommt: Schwerkraft, Licht, Leben, Kunst, Politik usw. Dieses Konzentrat nennen wir Welt. Diese Synthese wird von dem Ich geleistet. Nicht die reine Ausdehnung ohne Zusammenfügung würde die Vorstellung einer Welt ergeben, sondern nur die geistige Kraft des Zusammenfließens von allem Einzelnen zu einem zusammenhängenden ins Unendliche verlaufenden Ganzen. Mit dieser Befähigung treten die Individuen in die Kommunikation mit den anderen ein. Das Ich ist es also, das die Konzentration erzeugt, die wir Welt nennen. Das heißt: Das Ich ist als metaphysisch

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unmittelbar wirklich, denn die Weltbildung, die Synthese von allem, was es gibt, in ein Ganzes, ist kein physikalischer Vorgang. Das Geistige in seiner apriorischen Zugehörigkeit zum Ich ist ein Metaphysisches in der unmittelbaren Wirklichkeit. Die Unterscheidung von res extensa und res cogitans, die Descartes vorgenommen hat, gelangt hier zur Evidenz in einem jeden Wesen, das über Verstand,Vernunft und Bewußtsein verfügt. Im Menschen ist beides vereint: Er ist Körper und nimmt damit teil an der zeitlich und räumlich ausgedehnten Wirklichkeit; und er ist Geist in der Sphäre seiner metaphysischen Weltbildung, in welcher der Ort seiner Anwesenheit nur einer aller möglichen Gedanken seiner Aufmerksamkeit ist.

Die in der Form der Ausdehnung von Raum und Zeit uns umgebende Wirklichkeit, ist nicht das Konzentrat, das die Welt darstellt – und kann es auch nicht sein. Nur das Ich kann es sein, das diese Leistung im transzendentalen Sinne Kants zuwege bringt. Den transzendentalen Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis im Subjekt noch vorgelagert ist die Verbindung des Subjekts mit der raum-zeitlichen Sphäre der Ausdehnung. Mit ihr sind wir geistig verbunden, indem das bewußte und denkende Ich die Synthese der Weltbildung vollbringt. Die Metaphysik hat damit eine neue Gestalt angenommen. Sie ist nicht mehr die Disziplin der Spekulation über ein unerschließbares Jenseits, das über das Diesseits herrscht, wofür sie in früheren Zeiten oft galt, sondern ist in der Erfahrung des lebendigen Ichs eines jeden Menschen diesseitig begründet. Das Metaphysische liegt unmittelbar im Menschen, nicht in der Transzendenz. Damit ist nicht gesagt, daß es kein Jenseits der Erkenntnis gäbe. Die Mystik kann verstanden werden als die Befähigung zur vollkommenen inneren Konzentration auf die allen Menschen zugehörige Wirklichkeit des Geistigen. Einsteins Relativitätstheorie und Heisenbergs Unschärferelation sind nur die Ausläufer einer rein physikalischen Betrachtung der Natur, die in eine Sackgasse verläuft. Das wirkliche Welträtsel liegt in der Beziehung von Physik und Metaphysik, in der Kompatibilität des zur geistigen Synthese fähigen Subjekts der Erkenntnis mit der es umgebenden Sphäre raum-zeitlicher Ausdehnung. Es kann also heute keine Rede von einem nachmetaphysischen Zeitalter sein. Zuende ist lediglich eine Epoche, in welcher die metaphysische Qualität des Menschen als Beziehung zum Jenseits gedeutet wurde. Die materialistische Aufklärung hat mit der Negation des Jenseits zugleich die Metaphysik kassiert. Die Wiederaneignung der Metaphysik als des unbedingt Menschlichen wäre die richtige Konsequenz gewesen, statt dessen ist durch die Aufklärung in ihrer verbreiteten materialistischen Variante eine wesentliche Qualität des Menschseins entfremdet worden; vernichtet werden konnte sie nicht, da sie zu sehr zum Wesen des Menschen gehört. Diese Aufklärung hat ihre Unwahrheit immer daran erleiden müssen, daß sie den Menschen zwar als ein irdisches Wesen stärker etablierte als alle Epochen zuvor, aber seine geistige Wirklichkeit ignorierte oder leugnete. Dieser Typus von Aufklärung als einer Weltanschauung, die sich mit den die Moderne beherrschenden Dimensionen von Naturwissenschaft, Technik und Ökonomie etablierte, konnte sich in der Form der Herrschaft über Natur durchsetzen, aber nicht als Verwirklichung des Wesens der Menschen. Daran ist dieser gesamte gesellschaftlich-kulturelle Zusammenhang bereits in die Krise geraten – und muß daran auch zugrunde gehen; was durch die Globalisierung nur verdeckt wird: Die gesamte Historie ist zu sehr die Verwirklichung des Wesens der Menschen, wenn auch über viele sich selbst zugefügte Katastrophen. Wenn man so will, könnte man auch sagen, das Zeitalter der Physik geht seinem Ende entgegen, das der Einheit von Physik und Metaphysik steht am Anfang, auch wenn dies heute noch überhaupt nicht so wahrgenommen wird. Die Metaphysik gerät in solch einem Verständnis nicht in die Gefahr für ein Moment des Totalitarismus gehalten zu werden, wie es noch Chirico in erschreckender, abstrakter Größe gemalt hat. Metaphysik kann verstanden werden als mein Innerstes, das mich nicht nur biologisch, sondern auch geistig mit den Natur und dem All verbindet. Ich bin verbunden und weiß mich darin zu Hause.

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Mit der Frage danach, wie ich denn zu diesem Verständnis der Metaphysik als meinem innersten geistigen Wesen kommen kann, kehre ich zum Ausgangspunkt meines Gedankengangs zurück. Die Metaphysik als theoretische Gestalt eines unerforschlichen Jenseits, worunter wir Menschen uns zu beugen hätten ist so passé wie das Verständnis der Metaphysik als Ausdruck unwissenschaftlicher, voraufklärerischer Weltdeutung, die zur Flucht aus einem unerträglichen Diesseits dienen konnte. Aber die Metaphysik als ein konstitutiver Faktor des menschlichen Daseins erschließt sich nicht automatisch. Man könnte an Platons Höhlengleichnis denken, um die Anstrengung zu beschreiben, die nötig ist, um die allein dem abstrakten nach Innen gewandten Denken zugängliche Erkenntnis des Metaphysischen zu erschließen.

Das Metaphysische wie alles Geistige ist mit unseren Sinnen nicht wahrnehmbar. In unserem alltäglichen Leben befinden wir uns immer noch auf der primitiven Stufe, nur das als wirklich anerkennen zu wollen, was wir sinnlich -. man kann auch sagen empirisch – verifizieren können. Die unserem inneren Erleben sich erschließende Erfahrung wird dann trotz unabweisbarer Evidenz nicht zur Kenntnis genommen, wie als würde ein Photoapparat nur die Bilder, die er macht, für Realität halten, nicht aber den Mechanismus, mit dem er sie macht.

Die Kopernikanische Wende Kants kann noch konsequenter vollzogen werden, als er es getan hat. Kants erkenntnisleitendes Interesse bezog sich in seinen drei berühmten Kritiken auf die Begründung der drei Disziplinen Naturwissenschaft, Ethik und Ästhetik. Die Betrachtung kann aber noch näher auf den Menschen selbst, auf seine Lebensweise, seine Lebensführung bezogen werden, auf sein Sich-selbst-Wahrnehmen und sich-selbst-Erleben. Es gibt keine Garantie dafür, daß das Außergewöhnliche eines Menschen, sein Leiden, sein Scheitern, seine Trauer, seine Einsamkeit, seine Mühen in anderen Menschen eine tiefe Besinnung auslöst. Man kann auch in einer oberflächlichen neugierigen Wahrnehmung des Abnormen hängenbleiben und weder etwas Eigenes noch Allgemeines darin erkennen. Da aber vergebliche Anstrengungen, zerronnene Hoffnungen, unüberwindbare Kränkungen, bleibende Erkrankungen, Trennungen für immer, d.h. Abweichungen von der Routine der normalen Abläufe des Lebens jeden irgendwann erreichen, liegt die tiefergehende Erkenntnis nahe, daß in dem einzelnen Außergewöhnlichen, in der Krise einer Existenz das Allgemeine der Existenz, das auch mich einschließt, durchscheint oder aufblitzt.

Wenn die Aufmerksamkeit auf den einzelnen Menschen als einem bedeutungsvollen Sein erst einmal gerichtet ist, besteht die Voraussetzung, dessen Wesen zum Thema des Nachsinnens zu machen. Nur über den einzelnen Menschen ist die Metaphysik als Wirklichkeit einsichtig zu machen. Den Sinn für das Einzelne zu wecken, dazu dient die Präsenz der Ausnahme und des Außergewöhnlichen.

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Reflexionen Bd. 3: „Habermas – oder das Elend der Verfahrensrationalität“

Dr. Gerhard Stamer, LIT-Verlag, Münster 2007 (ISBN 978-3-8258-0243-1)

Dieser Band zeigt die kontraproduktiven Folgen eines Denkens – wie das von Jürgen Habermas – auf, das die substanziellen Gehalte der traditionellen Kultur durch Negation der Metaphysik bewahren möchte.

Reflexionen 3Die Veröffentlichungen von Jürgen Habermas sind als Kritik des Zeitgeistes selbst Zeitgeist. Die in ihnen geäußerten prägnanten Positionen bieten darum eine geeignete Möglichkeit, ein sich bewußt modern verstehendes Denken zum Gegenstand zu machen. Das hier vorliegende Buch hat die Zielsetzung, in plastischer Argumentation die Grenzen der theoretischen Konzeption von Habermas aufzuzeigen, um dabei zugleich eine eigene zu umreißen. Der inhaltiche Schwerpunkt der gesamten Arbeit besteht darin, die reduktionistischen Konsequenzen einer Philosophie sichtbar zu machen, die sich programmatisch der Metaphysik verweigert. Eine dieser Konsequenzen ist das Scheitern des Versuchs, Denken und Bewußtsein in der Dimension der Sprache abzuhandeln., eine weitere, die Aussagenlosigkeit und Begründungsschwäche einer voluminös ausgebreiteten Philosophie, die sich keine Inhalte mehr zutraut. Selbst die innere Konsistenz der systematischen Konzeption ist fragwürdig, denn der klaffende Widerspruch zwischen einer Konstituierung der Gesellschaft durch bewußte sprachlich-symbolische Sinngebung einerseits und der Lebenswelt andererseits, die transzendental aller Bewußtseinstätigkeit vorangehen soll, ist nicht zu übersehen.

In der Auseinandersetzung mit den Grundzügen des Denkens von Habermas nehmen die alternativ skizzierten und in dem Sinne positiven Inhalte dieser Arbeit Gestalt an. Der größte Raum wird dabei der Explikation der logischen Existenziale gewidmet. Sie sind die Elemente, aus denen die Eigenständigkeit der Dimension von Bewußtsein und Denken hervorgeht. In diesem Kontext gewinnt — fernab von jeder Überschwänglichkeit — die Einheit von Geist und Natur in einem Ganzheitskonzept, das sich dem Denken der metaphysischen Tradition verbunden weiß, ihre Plausibilität. Das bewußte Erleben wird im Kontrast zu den Sätzen naturwissenschaftlicher Objektivität als die primäre, ursprüngliche Realität des Menschen ausgewiesen, woraus eine aktive Deutung des Menschen abzuleiten ist.

Die Form der Arbeit ist für das Genre von ungewöhnlicher Lebendigkeit. Sie wird durch eine Darstellung erreicht, die grundsätzlich den Charakter des Dialogs hat und durch Briefe, Gespräche im Kreis von Freunden, Vorträgen, theoretischen Ausarbeitungen, auch Notizen, im besten Sinne des Wortes ein kommunikatives Handeln vor Augen führt.