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Wenn es schon eine Dialektik der Aufklärung gibt: warum nicht auch eine Dialektik der Metaphysik? — 04.2005

Stamer in philosophie.de

Als Adorno und Horkheimer zu ihrem Buch „Dialektik der Aufklärung“, das sie 1944 in Amerika geschrieben hatten, 1969 ein Vorwort zur Neuausgabe verfassten, sahen sie sich in ihrer Gegenwartsdiagnose bestätigt. Sie sprachen von „Übergang zur verwalteten Welt“ und von totaler Integration der Menschen, die sich „über Diktaturen und Kriege“ zu vollziehen drohe. Ihr Fazit: „Die Prognose des damit verbundenen Umschlags von Aufklärung in Positivismus, den Mythos dessen, was der Fall ist, schließlich die Identität von Intelligenz und Geistfeindschaft hat überwältigend sich bestätigt.“

Wenn denn an der Dialektik der Aufklärung irgendetwas dran sein sollte, was ich hier gar nicht diskutieren möchte, dann wäre natürlich zumindest der Verdacht naheliegend, daß auch ihr Gegenpart, die Metaphysik, in eine solche Bewegung geraten könnte.

Metaphysik: was war denn das? Und wie wurde sie von den Aufklärern verstanden? Metaphysik setzte unbewiesene und unbeweisbare Spekulationen, wie das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele als Realität voraus. Sie forderte von den Wissenschaf- ten die Anerkennung dieser Spekulationen als Substanz der Wirklichkeit. Sie behinderte den Fortschritt, indem sie die Realität unter dem Aspekt der Ewigkeit und nicht der Geschichtlichkeit betrachtete. In ihrer Verbindung mit der Religion und deren institu- tioneller und gesellschaftlicher Machtausübung verteidigte sie ihre Dogmen und förderte Irrationalismus und Obskurantismus. Sie band die Menschen in Haltungen der kontem- plativen Hinnahme von ungerechten Verhältnissen ein, anstatt sie zur Praxis zu erwecken. Sie begünstigte Unterwürfigkeit und verfemte Emanzipation. Sie glorifizierte das Elend, indem sie diese Welt als die schönste aller möglichen ausgab, anstatt sie der berechtigten Kritik zu unterziehen. Sie baute totalitäre politische Systeme in unsere Köpfe ein und war ein Feind der offenen Gesellschaft, der modernen Demokratie und ihres Pluralismus. Und so weiter.

Wenn das Metaphysik war oder zumindest mit Metaphysik zusammenhing: Welche Dialektik hätte diese Metaphysik vollziehen sollen? Welche ließe sich erwarten? Für welche gibt es Anzeichen?

Adorno und Horkheimer hatten die Geistfeindschaft als ein Zeichen der Dialektik an- gesehen, der die Aufklärung unterworfen war. Sollte die Negation der Metaphysik die Negation des Geistes bedeuten, was auch immer sie sonst bedeutete? Sollte die Meta- physik so mit dem Geist verschwistert sein, daß, wenn man sie überwindet, zugleich den Geist aufgibt? Hat sich denn nicht gerade mit der Aufklärung die Rationalität durchge- setzt? Könnte Rationalität geistlose Intelligenz sein, die „Identität von Intelligenz und Geistfeindschaft“? Ein Monstrum? Jedenfalls war Metaphysik von ihrem Anfang an Leh- re vom Geist: ob als Nous bei Anaxagoras oder als Logos bei Heraklit. Von Platon bis Hegel wird der Geist in den größten metaphysischen Theoremen als das innerste Struk- turprinzip der Wirklichkeit begriffen. Geist nicht nur als Hilfsmittel, die Realität zu erkennen, sondern Geist als das Medium, durch das Erkenntnis der Realität möglich ist, indem in ihm eine Kompatibilität von Denken und Sein, von Subjekt und Objekt der Erkenntnis gewährleistet ist. Bis zu Habermas hin schüttelt sich der Antimetaphysiker angesichts der Unfaßlichkeit des Geistes. Lieber naturwissenschaftliche Faßlichkeit des Erkannten, auch wenn dabei die Kompatibilität von Denken und Sein und von Subjekt und Objekt aus der Reflexion systematisch ausgegrenzt wird!

Sollte die Fassungslosigkeit angesichts der Unfaßlichkeit des Geistes paradoxerweise die Selbsterkenntnis des Geistes verwehren? Sollte die Angst vor der Grenzenlosigkeit des Geistes und der damit verbundenen Offenheit der Metaphysik das erhoffte Heilmittel sein, um das Irdische zu bestehen? Sollte die Philosophie daher so blaß gegenüber der Hirnforschung dreinschauen, weil sie sich nicht mehr die metaphysische Realität des Geistes zu behaupten traut? Oder zwingt die Hirnforschung mit ihrem Generalangriff auf die Autonomie des Menschen die Philosophie – und nicht nur die Philosophie – zu der Dialektik, den Geist auch heute noch als fundamentale Wirklichkeit zu erkennen und anzuerkennen, so unfassbar er auch sei? Wann wird der Umschlag kommen?

Gerhard Stamer
auf philosophie.de

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