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Natur erleben – Natur verstehen

Beitrag auf dem 2. Festival der Philosophie in Hannover

Dr. Gerhard Stamer

  1. Eine Exkursion an die Nordsee

Es mag höchst verwunderlich sein, an der Nordsee, im Wattenmeer, eine Höhlenerfahrung zu machen. Welcher Art, werde ich versuchen darzustellen. Zunächst aber die in keiner Weise verwunderlichen Umstände, die dazu führten.

Ende März 2010 hatten mich Klaus Wächtler, emeritierter Professor für Biologie an der Tierärztlichen Hochschule Hannover und Hansjörg Küster, Professor für Pflanzenökologie am Institut für Geobotanik der Leibniz Universität Hannover zu einer Exkursion mit Studenten aus dem Umkreis ihrer Fächer nach Westerhever, wohl dem bekanntesten Leuchtturm an der Nordsee eingeladen. Was lag näher, als diese beiden Experten nun meinerseits zu einem Gespräch einzuladen, als ich damit betraut wurde, auf dem Festival der Philosophie im darauf folgenden April etwas zum Thema Natur beizutragen? Für mich lag nichts näher, denn ich hatte als Philosoph durch die gemeinsame Exkursion einen beträchtlichen Zugewinn in meinem Verständnis der Natur gewonnen. Davon möchte ich  berichten. Mein Gespräch mit den beiden Experten auf dem Festival drehte sich genau darum.

Es war ein regnerischer, kalter Tag als die Exkursion gegen Abend begann. Ankommen, Quartier

Beziehen, Rausgehen war der erste unbefragte Programmpunkt. Prof. Wächtler lieh mir eine dicke Jacke, ich war nicht angemessen ausgerüstet. Natürlich war es wieder das grandiose Naturschauspiel von Wind und Wetter wie immer an der Nordsee. Die tief stehende Sonne warf einen lang gezogenen, glänzenden Strahl auf das blanke Watt. Die Verführung, einen poetischen Text über diese Eindrücke zu schreiben ist groß, aber ich verfalle nicht der Verlockung, denn in diesem Artikel geht es um etwas anderes. Es geht um die Überprüfung der Philosophie am Naturerleben.

Wie selbstverständlich wanderte der Blick des Philosophen in die Weite, zum Himmel und zum Horizont, das große Ganze wieder ästhetisch aufzusaugen. Eigentlich war es immer der ästhetische Eindruck von Weite, Licht und Frische, den ich an der Nordsee suchte, ohne irgendeine nähere Kenntnis der natürlichen Bedingungen und Fakten zu besitzen. Selbstverständlich achtete ich auch auf meine Schritte, um nicht bis zum Bauch plötzlich in einem Priel zu stehen und ein Gelächter auf mich zu ziehen wie einst Heraklit, der beim Blick zum Himmel in den Brunnen fiel. Aber diese Vorsicht war gewissermaßen nur eine sekundäre Aufmerksamkeit. Ganz anders verhielten sich meine kenntnisreichen Begleiter. Ihre Aufmerksamkeit galt zwar auch der Weite und der ästhetischen Schönheit der Landschaft, aber nicht minder dem Boden, auf  den wir traten. Wie eine Sonde ließen sie den Blick über den Boden streichen, offensichtlich lagen für sie unmittelbar vor jedem Schritt die wichtigsten Schätze für den Forschergeist

  1. Das Erlebnis des Wattenmeers

Ich war zunächst überrascht über den puren Kenntnisstand meiner beiden Experten, über die Masse an möglichem Wissen, das sich lediglich darauf bezog, was vor unseren Füßen lag. Die einfache Kenntnis des Vorhandenen, ohne Begründung, ohne Reflexion, einfach das Aufweisen des Bestandes, berührte mich eigenartig, erzeugte sogar Verwunderung. Ich bemerkte plötzlich, dass ein gewissermaßen intimes Naturverständnis möglich war, in dem man die Dinge, die man sah, mit Namen nennen konnte, dass man ihre Eigenarten kannte, ihre Ernährung, ihre Fortpflanzung, ihre Gewohnheiten, ihre Lebensdauer. Und ich stellte fest, dass dies im Zusammenhang stand mit einer gewissen Vertrautheit, einer Nähe, einem bestimmten Verhältnis zu den Phänomenen, das sich durch die Kenntnis gebildet hatte. Es handelte sich, dessen war ich mir durchaus sicher, dabei um kein spektakuläres Ereignis, eher um eine Erfahrung, die oft anzutreffen ist, wenn man plötzlich mit einer fremden Profession konfrontiert wird, deren Menge an Stoff einen in den Zustand des Anfängers versetzt. Also im Grunde nichts Besonderes. Aber doch ein Erstaunen, dass sich im Gefühl festsetzte und zum Nachdenken führte. Es blieb der Zweifel, ob wir Philosophen vielleicht doch nicht genug das Unmittelbare des Seins der Natur zu würdigen wissen.

Keineswegs werde ich nun daran gehen, zu berichten, was ich alles aufgeschnappt habe. Ich werde nicht über Wattwürmer und Salzwiesen berichten oder die vielen Vogelarten, die ich gesehen habe, aufzählen und ihre Kennzeichen nennen; ich werde nicht über den Ostatlantischen Flugweg schreiben und darstellen, welche Rolle das Wattenmeer für viele Vogelarten auf ihren weiten Reisen spielt, wie das Wattenmeer für sie geradezu als Drehscheibe zwischen Arktis und Afrika funktioniert. Über den Wechsel von Ebbe und Flut und dessen biologisch fruchtbare Wirkungen wie auch über die geologische Entstehung und Entwicklung des Wattenmeeres werde ich kein Wort verlieren. Ich werde auch nicht weiter hervorheben, worin die Einzigartigkeit des Wattenmeeres beruht, die zu der Anerkennung als Weltnaturerbe seitens der UNESCO führte. Geradezu drastisch ist der Eigenwert der biologischen Vielfalt zu erfahren. Das ganze Naturschauspiel, das Miteinander aller Arten von Pflanzen und Tieren, von Wasser, Luft und Erde kann nicht unter Gesichtspunkten der Nutzung für den Menschen, als Mittel zur Herstellung von Produkten und Waren, angesehen werden. Es ist eine Welt, die einen eigenen Sinn hat. Mir scheint, daß es dies ist, was der Empfindung aufgeht, wenn man nach der Flut des Wassers die Unberührtheit und bei der Flut die ständige Wiederkehr des Watts erlebt. Erst mal erleben! Nach diesem Motto stapften wir also zunächst durchs Watt. Bücher, Mikroskope, Vorträge, Diskussionen: Das alles kam später. Ein Naturverhältnis  durch das eigene Erleben zu erzeugen, war der didaktische Ausgangspunkt der Exkursion, wie ich begriff; sicher auch der Weg, jemanden heranzuführen an einen Gegenstand, an ein Thema, an irgendeine Angelegenheit, um sie lieben zu lernen.

Wenn ich insgesamt recht knapp meine Erfahrungen und Eindrücke, die ich auf der Exkursion machte, wiedergebe, so muß ich doch einen Punkt unbedingt ansprechen. Es handelt sich um den Vorgang der Photosynthese. Klaus Wächtler hatte auf unserer Wanderung über das Watt einige Proben von irgendwelchen Vorkommnissen genommen, unter anderem auch mit einem kleinen spachtelähnlichen Werkzeug Schaum vom Boden gekratzt und in einem Behälter aufbewahrt. Unter dem Mikroskop zeigte sich dann später, daß die gallertartige Schicht, die sich über das Watt zieht – und wozu auch der Schaum gehört – voller Leben steckt. Ich erfuhr, daß das, was ich sah, Diatomeen, einzellige Kieselalgen waren, und daß diese Lebewesen durch die Bildung organischer Stoffe mittels Sonnenenergie direkt und indirekt nahezu alle bestehenden Ökosysteme antreiben, da sie anderen Lebewesen energiereiche Baustoff- und Energiequellen liefern. Als Sauerstoff produzierende sogenannte oxygene Phototrophe erzeugen sie auch einen großen Teil des Sauerstoffs in der Erdatmosphäre. Die oxygene Photosynthese ist nicht nur der bedeutendste biogeochemische Prozess der Erde, sondern auch einer der ältesten.

Wozu führe ich das so gründlich aus? Um meine Überraschung darüber zum Ausdruck zu bringen, daß sich der Schlamm unter meinen Füßen, den ich höchstens beachtete, um nicht auf ihm auszurutschen, plötzlich in ein hochbedeutendes und ursprüngliches Lebenselement verwandelte. Was sich mir als Frage aufdrängte war klar: Schreite ich in meinen philosophischen Reflexionen und Abstraktionen unentwegt so über die Natur, über das Sein hinweg, ohne ihre Bedeutung auch nur zu ahnen? Selbstverständlich stellte sich das Bedenken ein, ob es sich nicht möglicherweise eher um eine persönliche Ignoranz gegenüber der Natur und ihren Erscheinungen handelte. Aber ohne große Mühe ließ sich die wenig beruhigende Gewissheit erlangen, dass hier wohl überhaupt eher ein generelles professioneller Defizit vorliegt.

  1. Die Ignoranz der Philosophie gegenüber dem Sinnlichen

Das lässt sich an einigen maßgeblichen Stellen der Philosophiegeschichte nachweisen. Sowohl Kant als auch Hegel beginnen in zentralen Werken mit der Sinnlichkeit als elementarer Ausgangsstufe der Erkenntnis, aber was Sinnlichkeit ist, wird dabei geradezu übersprungen.

Kant beginnt die Kritik der reinen Vernunft damit, die Sinnlichkeit als einen eigenen, primären Erkenntnisstamm aufzuweisen. „Die Fähigkeit (Rezeptivität), Vorstellungen durch die Art, wie wir von Gegenständen affiziert werden, zu bekommen, heißt Sinnlichkeit. Vermittelst der Sinnlichkeit werden uns Gegenstände gegeben, und sie allein liefert uns Anschauungen;…“ (A 19) Eine kurze Lektüre zeigt aber, daß es Kant nicht um Sinnlichkeit als allgemein menschlicher Wirklichkeitserfassung geht, als Bestandteil der Lebenswelt. Kant hat Wissenschaft im Sinn. Allein die Begründung wissenschaftlicher Erkenntnis ist sein Ziel. Kant privilegiert Raum und Zeit als Anschauungsformen a priori, weil diese beiden Dimensionen unserer Erfahrung – in Geometrie und Arithmetik – einen fundamentalen Bezug zur Mathematik besitzen und dadurch Wissenschaft konstituieren. Die Beziehung zur Mathematik verbürgt die Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit der naturwissenschaftlichen Urteile wie Kant zeigt. Aber im Grunde überspringt er damit gerade das Sinnliche, das eben nicht zur Wissenschaft, d.h. zur Anwendung der Mathematik taugt. Der Wirklichkeitsbezug wird eingeengt auf diese beiden Koordinaten. Sie gewährleisten ohne Frage den besonderen, d.h. auch außerordentlich effektiven wissenschaftlichen Zugang zur Natur, aber stellen doch eine enorme Reduktion des allgemeinen menschlichen Verhältnisses zur Natur dar, so daß der Zweifel nicht von der Hand zu weisen ist, ob ohne Farbwahrnehmung, Gehör, Geschmack und Tastempfindung überhaupt die Wirklichkeit in ihrer sinnlichen Fülle erfasst wird. Sie erhalten keinen Eingang in das System der Erkenntnis. Ja, man könnte sagen, die ganze Abstraktheit der Wissenschaft gegenüber der Lebenswelt der Menschen beruhe darauf, daß die Reduktion der Sinnlichkeit in der Festlegung auf die Koordinaten Raum und Zeit besteht. Und selbstverständlich werden die beiden Koordinaten selbst in mathematischer Abstraktion genommen, denn weder ist das subjektive Zeitempfinden darin enthalten, in welchem Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart zum Bewußtsein der Zeitlichkeit verschmolzen sind, noch wird die Räumlichkeit als Ort der emotionalen Anwesenheit des Menschen, wie es im Heimatempfinden der Fall ist, darin zum Ausdruck gebracht. Für Kant scheint hier kein Problem zu liegen: „Geschmack und Farben sind gar nicht notwendige Bedingungen, unter welchen die Gegenstände allein für uns Objekte der Sinne werden können. Sie sind nur als zufällig beigefügte Wirkungen der besondern Organisation mit der Erscheinung verbunden.“ (Anm. A 28) Kant interessiert sich für die reinen Formen der Anschauung, für Raum und Zeit, weil die eine Erkenntnis a priori plausibel machen und damit Naturwissenschaft als Wissenschaft begründen. Die übrigen Vorstellungen gehörten zwar auch zu den subjektiven Beschaffenheiten des erkennenden Subjekts, „z.B. des Gesichts, Gehörs, Gefühls, durch die Empfindungen der Farben, Töne und Wärme, die aber, weil sie bloß Empfindungen und nicht Anschauungen sind, an sich kein Objekt, am wenigsten a priori, erkennen lassen.“ ( A 28) Die Sinnlichkeit als natürliche Fähigkeit des Menschen liegt nicht in der Richtung von Kants Erkenntnisinteresse, folgenreich für die weitere Entwicklung der Wissenschaft.

Hegels Phänomenologie des Geistes nimmt ebenfalls seinen Ausgang von der Sinnlichkeit. Das erste Kapitel „Die sinnliche Gewißheit oder das Diese und das Meinen.“ (S. 79) überspringt in noch radikalerer Weise als Kants Kritik der reinen Vernunft den ganzen Bereich der Sinnlichkeit. Zunächst aber scheint Hegels Argumentation das Gegenteil nahe zu legen: „Der konkrete Inhalt der sinnlichen Gewißheit läßt sie unmittelbar als die reichste Erkenntnis, ja als eine Erkenntnis von unendlichem Reichtum erscheinen, für welchen eben sowohl, wenn wir im Raume und in der Zeit, als worin er sich ausbreitet, hinaus-, als wenn wir uns ein Stück aus dieser Fülle nehmen und durch Teilung in dasselbe hineingehen, keine Grenze zu finden ist. Sie erscheint außerdem als die wahrhafteste; denn sie hat von dem Gegenstande noch nichts weggelassen, sondern ihn in seiner ganzen Vollständigkeit vor sich.“ Aber diese Argumentation ist nur der Beginn. Hegel zitiert den Schein der Fülle, der bei der Sinnlichkeit zunächst zu liegen scheint, um diesen dann umso mehr destruieren zu können. Das messerscharfe Kriterium, das er in der anschließenden Argumentation in Anwendung bringt, ist die Sprache. Vollkommen zu Recht behauptet er, daß sich in den Begriffen der Sprache alles Einzelne nur als Allgemeines ausdrücken lässt. Jeder Begriff versetzt die Dinge bereits in die Sphäre des Allgemeinen. Die Reduktion auf das sinnlich Einzelne in Form von Ausdrücken wie dem Hier oder Jetzt, das sinnlich wahrgenommen wird, macht den Sachverhalt nur noch allgemeiner. Daher erweist sich für Hegel die Gewissheit, die zunächst in der Unmittelbarkeit, d.h. der Fülle des jeweils Einzelnen der sinnlichen Wahrnehmung zu liegen schien als trügerisch. „Diese Gewißheit aber gibt in der Tat sich selbst für die abstrakteste und ärmste Wahrheit aus. Sie sagt von dem, was sie weiß, nur dies aus: es ist; und ihre Wahrheit enthält allein das Sein der Sache.“ (S. 79) Dieser Argumentation kann die Logik nicht abgesprochen werden, wenn das menschliche Verhältnis zur Natur als eines angesehen wird, das allein in der Sprache besteht. Aber das ist nicht der Fall. Die sinnliche Wahrnehmung geht nicht durch den Filter der Sprache. Die Unmittelbarkeit, die in der Sinnlichkeit liegt, ist eine eigene Sphäre. Nicht nur was begriffen wird, wird empfunden. Dadurch, daß etwas empfunden wird, das nicht begriffen ist, löst es sich nicht in Nichts auf. Wollte Hegel die besondere Erkenntnisleistung der Sprache und der Begrifflichkeit herausheben, wäre ihm beizupflichten. Kein Zweifel kann daran aufkommen, welche Qualität des Seinsbezugs, welche Gewissheit durch das begriffliche Vermögen der Menschen gewährleistet wird. Aber daraus, daß Sprache und das mit ihr verbundene Denken ihren Aussagen und Urteile ein solch hohe Gewißheit verschafft, der Wahrnehmung des sinnlich Einzelnen die Realität abzusprechen, ist nicht zwingend. Es ist nur zwingend, wenn bereits im Vorhinein Wirklichkeit als Erkenntnis des Allgemeinen festgelegt ist. Für Hegel gilt dann zweifelsfrei am Ende des Kapitels: „..; das Allgemeine ist also in der Tat das Wahre der sinnlichen Gewißheit.“ (S. 82)

Noch einmal zusammengefasst: Für Hegel liegt die Sache anders als bei Kant. Hegel zeigt in brutaler Konsequenz, daß reine sinnliche Erkenntnis gar nicht möglich ist. Reine sinnliche Erkenntnis müßte ohne Begriffe auskommen. Und damit reduzierte sich die Gewißheit der sinnlichen Erfahrung auf das begrifflose Feststellen, daß etwas da ist, ohne der Sache ihren sprachlichen Ausdruck geben zu können. Nur das reine es ist  ließe sich von der sinnlichen Gewißheit ausmachen. Die sinnliche Gewißheit unterliegt daher einer Dialektik. Sie meint, gerade in der Sinnlichkeit die unmittelbare Gewißheit zu besitzen, tatsächlich aber landet sie in einem bloßen Meinen, „weil das sinnliche Diese, das gemeint wird, der Sprache, die dem Bewußtsein, dem an sich Allgemeinen angehört, unerreichbar ist.“ (S. 88) Hegel weiß natürlich, dass das Einzelne im Allgemeinen nicht aufgeht, aber für ihn ist das, was nicht in den Begriff aufgeht, das Nichtige, wie es in seiner Logik heißt. Hegel hätte Recht, wenn der geistige Bezug zur Wirklichkeit nur im Sprachlichen und Begrifflichen liegt, aber es ist anzunehmen, daß in der natürlichen Logik, von der er selbst spricht, d.h. auch bereits im sinnlichen Verhältnis zur Natur, eine geistige Beziehung besteht.

D. Raus aus Platons Höhle

Ich hatte natürlich weder auf der ersten Wattwanderung noch auf einer der folgenden eine Höhle gefunden. Aber meine Gedanken kreisten unentwegt um das Höhlengleichnis von Platon. Und wenn ich zu Beginn des Artikels eine Höhlenerfahrung ankündigte, so traf das vollständig zu. Das Höhlengleichnis wurde zur fundamentalen Höhlenerfahrung. Die Ausführungen, die ich bisher gemacht habe, betreffen nicht nur die Philosophie des deutschen Idealismus, sondern lassen sich auf eine philosophische Tradition zurückführen, die ihren stärksten Ausdruck in Platons Höhlengleichnis findet. Ich setze das Höhlengleichnis als allgemein bekannt voraus. Die sinnliche Wahrnehmung ist im Höhlengleichnis die normale menschliche Erkenntniseinstellung, nichtsdestotrotz die falsche Richtung, denn wir sitzen mit dem Rücken zum Ausgang der Höhle. Das sinnlich Wahrgenommene an der Wand im Inneren der Höhle seien nur Schatten. Das Leben, das sich an der Sinnlichkeit orientierte, hätte es nur mit Schatten zu tun. Es bedürfte einer radikalen Wendung, um die Wirklichkeit zu erkennen, die der Philosoph vollbringt. Natürlich liegt darin eine gravierende Herabsetzung der sinnlichen Wahrnehmung. Das Höhlengleichnis ist gewissermaßen der Sündenfall der Philosophie.

Wenn ich das Höhlengleichnis weniger religiös als erkenntnistheoretisch deute, so heißt das: Der Mensch im Alltag nimmt nur als wirklich wahr, was sich den Sinnen zeigt, den Logos aber, das Geistige, das keine sinnliche Repräsentanz besitzt, bleibt unerkannt, wird ignoriert, obwohl es  das menschliche Verhältnis zur Wirklichkeit fundamental begründet. Das gilt noch heute und trifft auf eine dogmatische empirische Wissenschaft auch noch zu.

In einer Zeit, in der sich die Wissenschaft noch nicht systematisch von der Philosophie, die Forschung noch nicht von der Weltdeutung getrennt hatte, wie es bei Platon der Fall war, war ein Bewusstsein  des Geistigen, ein Bewusstsein des Allgemeinen, wie es sich auch in Naturgesetzen zeigte, überhaupt nicht anders zu erklären als Abwendung von dem unmittelbaren Bezug auf das sinnlich Gegebene. Abstraktion und Reflexion mußten überhaupt erst entdeckt werden, mussten überhaupt erst als die sinnlich nicht wahrnehmbaren subjektiven Tätigkeiten erfasst werden.

Die Platonischen Dialoge kreisen um dieses Problem. Es ist nachzuvollziehen, daß um einen primitiven Empirismus zu überwinden, der nur eine subjektive Erfahrung ohne Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit kennt, der noch nicht zum Bewusstsein der Theorie als eigener Sphäre gelangt ist, das Bild von der Wende der Erkenntnis wie sie von Platon in dem Gleichnis von der Höhle veranschaulicht wurde, nötig war. Prinzipiell ist natürlich zu fragen, ob diese Trennung der theoretischen Einstellung von der sinnlichen Erfahrung, worin auch eine Trennung der Wissenschaft von der Lebenswelt liegt, eben nicht nur die der philosophischen Besinnung von  der Deutungslosigkeit des Dahinlebens im Alltag, der Wirklichkeit gemäß ist. Das Höhlengleichnis und die Tradition, die daran anknüpfte, hat eine Distanz zur natürlichen Einstellung in der Lebenswelt, zur Sinnlichkeit und damit auch zur Natur erzeugt, die der Philosophie nicht nur einen Zug von Esoterik vermittelte, sondern auch von Weltabgewandtheit und Weltverneinung. Es kann hier nicht die Absicht sein darzustellen, wie dieses Charakteristikum in Widerspruch steht zu anderen Motiven der Platonischen Philosophie. Das ist einer umfangreicheren Arbeit vorbehalten. Aber festzuhalten bleibt, daß das Geistige, zunächst das Denken, das alle wissenschaftliche Tätigkeit ermöglicht, bis heute in allen wissenschaftlichen Forschungen, allen empirischen Erkenntnissen selbst nicht ansichtig wird.  Und ebenso wird es nicht wahrnehmbar in allen alltäglichen Handlungen, in jedweder Praxis. Ansichtig wird es auch nicht in der Natur. Kein Naturgesetz tritt in seiner Allgemeinheit sinnlich in Erscheinung. Es sind nur einzelne Fälle der Gesetze, die wir wahrnehmen. Das Sinnliche zu überwinden scheint eine fundamentale Aufgabe zu sein, um zur theoretischen Einstellung zu gelangen, die Gewißheit verbürgt. Aber wie sollte unser Denken Naturgesetze aufstellen, die in der Natur nicht vorkommen? Naturgesetze sind nicht Produkte der Phantasie. Wären sie das, würde die Natur nicht mitspielen. Was Platon und der Tradition, die er begründete, nicht gelang, war der Gedanke, daß obwohl der Geist sinnlich in der Natur nicht wahrnehmbar ist, er doch dort zu erfassen ist. Was dann einerseits zur Folge hatte, daß der Geist in den Bereich der Theorie, auch der Kontemplation versetzt wurde,  was wiederum verständlich war, insofern er eben nur der Selbstreflexion zugänglich war. Und was andererseits zur Folge hatte, daß die Natur selbst nicht als der Bereich des Geistes angesehen wurde, sondern daß dieser eher in den der Transzendenz versetzt wurde. Eine geistlose Natur blieb übrig, allerdings doch voller Gesetze, die man in ihr fand, bzw.wie Kant sagt: ihr vorschrieb. Das alle Gesetze ein deutlicher Beweis für den Geist in der Natur sind, ging den Wissenschaftlern, aber auch den Philosophen zumeist nicht auf. Zusammengefaßt: Das Höhlengleichnis ist richtig, wenn man davon ausgeht, dass die sinnliche Erkenntnis keine eigene Erkenntnisqualität, keine eigene Erkenntnisgeltung besitzt. Richtig bleibt, dass das Allgemeine sinnlich nicht zu erfassen ist. Das Allgemeine ist keine sinnliche Qualität. Um das Allgemeine zu entdecken, war das Transzendieren des Bereichs der Sinnlichkeit erforderlich. Um aber den Geist und die Wirklichkeit der menschlichen, naturhaften Erkenntnis zu verstehen, ist es nötig, den Glauben an die Höhle zu verlassen, in der wir sitzen und nur Schatten sehen. Es ist nicht zwingend, weil der Geist nicht mit Sinnen wahrnehmbar ist, ihn in einen anderen Bereich als den der Natur zu versetzen.

Die hier vorgetragene Argumentation hat sich bewußt eine Zurückhaltung in metaphysischer Hinsicht auferlegt. Selbstverständlich lag der Grund für die Abwertung der Sinnlichkeit, auch für das Desinteresse in dem großen Strang der abendländischen Philosophie an der metaphysischen Orientierung. Unser Bewußtsein hat einen weiteren Horizont als unser konkretes wissen. Daher haben Fragen nach Gott, der Unsterblichkeit der Seele und der Unendlichkeit von Raum und Zeit, wie Kant sie aufführt, die Menschen seither immer beschäftigt. Das Bewußtsein dieses Nichtwissens gehörte daher von Beginn an zur philosophischen Besinnung. Von diesen hier genannten Fragen aber ist die Realität des Geistes – oder wenn man eine Versubjektivierung dieses Begriffs fürchtet: des Geistigen – grundsätzlich zu unterscheiden, obwohl er seit Beginn der Philosophie bei den Vorsokratikern mit ihnen verwoben wurde. Die Realität des Geistes unterscheidet sich von den genannten Fragen, weil sie eben ein Vorkommnis der Wirklichkeit ist, insofern sie als Erkenntnis ein menschliches Grundverhältnis zur umgebenden Natur darstellt, das so wenig geleugnet werden kann wie die Atmung, ein anderes Grundverhältnis zur Natur. Aus diesem Grunde habe ich meine Ausführungen über die Sinnlichkeit im Verhältnis zum Geist entwickelt und nicht zur Metaphysik. Es sollte deutlich werden, daß nicht erst eine metaphysische Einstellung zur Geringschätzung der Sinnlichkeit führte, sondern daß diese Geringschätzung bereits ihren Grund in dem Wirklichkeitsverhältnis der Erkenntnis besitzt, wie es traditionell gedeutet wurde. Eine falsche Deutung des Verhältnisses des Menschen zur Natur liegt der Geringschätzung der Sinnlichkeit zugrunde.

So weit in meinen Gedanken an der Nordsee gekommen, schlussfolgerte ich: Erst einmal sitzen bleiben in der Höhle! Beziehungsweise sich klarmachen, dass wir nicht in der Höhle sitzen, sondern draußen, unter blauem Himmel und all den bunten Sachen, die uns die Natur beschert. Und dann begreifen, dass umgekehrt nur die in der Höhle sitzen, die den Geist in der Abstraktion des sinnlich entleerten Allgemeinen ansiedeln, obwohl sie es gerade den andern andichten wollen. Der Geist strahlt wie das Licht der Sonne  und weht wie der Wind über die Lande. Das Sein spielt mit uns kein Versteckspiel, es ist nicht das Andere der Natur. Es ist die leuchtende Präsenz.

E. Der neue Horizont

An dieser Stelle könnte der Gedankengang sein Ende finden. Die Ignoranz der traditionellen Philosophie gegenüber der Sinnlichkeit ist aufgezeigt – zumindest was einen Hauptstrang betrifft. Meine Höhlenerfahrung ist dargestellt.

Aber nur ein oberflächlicher Blick könnte zu dem Schluß kommen, die Argumentation wäre abgeschlossen. Ganz im Gegenteil: Sie hat geradezu eine Tür erst aufgestoßen. Fragestellungen mit einem völlig neuen Horizont tauchen auf:

  • Wie sähe eine Erkenntnistheorie der natürlichen Logik aus,  die das Sinnliche in ihrer Fülle und Verschiedenheit entfaltet?
  • Wie sähe eine Naturwissenschaft aus, die nicht nur Beziehungen von Raum, Zeit, Kraft und Bewegung erfaßt, sondern auch den Geist als Bestandteil der Natur begreift?
  • Wie sähe eine Kultur aus, in welcher sich die Menschen ihres geistigen Bezugs zur Natur im Erleben vergewissert haben?

Eine neue Aufklärung ist an der Zeit.

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