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Schopenhauer-Kur — 03.2006

Die Philosophie hat immer noch nicht Ihre Attraktion verloren. Nach „Und Nietzsche weinte“ hat der Psychoanalytiker Irvin D. Yalom ein Buch herausgegeben, das wieder den Namen eines Philosophen trägt. Nietzsche hat sich gut gemacht, warum nicht Scho- penhauer auch? Wahrscheinlich würde kaum jemand dieses Buch lesen, wenn da nicht dieser Titel etwas Interessantes in Aussicht stellte. Eben eine Kur mit Schopenhauer – oder eine Kur Schopenhauers? Der Roman hat drei Handlungslinien. Ein bekannter Psychoanalytiker, Julius H., erfährt, dass er Hautkrebs hat und nur noch ein Jahr leben wird. Er lässt sein Leben und seine Arbeit Revue passieren und verfällt darauf, sich mit dem seiner früheren Patienten in Verbindung zu setzen, dem er am wenigsten hat helfen können – jedenfalls nach seiner Beurteilung. Die beiden treffen sich; es stellt sich heraus, dass dieser Patient, Philip S., inzwischen Philosophie studiert hat und sein Leiden, eine quälende Sexsucht, losgeworden ist. Wie war das möglich? Wer war sein Therapeut? Schopenhauer, wie er sagt.
Wie sich herausstellt, hatte Philip auch die Absicht, sich mit dem Psychoanalytiker, der nun zu ihm gekommen ist, sich in Verbindung zu setzen, um nämlich eine Ausbil- dung zu einem Therapeuten bei ihm zu machen. Julius ist dazu nur bereit, wenn Philip zunächst für ein halbes Jahr an einer Therapiegruppe teilnimmt, bevor es zu der Aus- bildung kommt. Philip ist nämlich alles andere als ein Mensch, der die sozialen und integrativen Fähigkeiten besitzt, um die Tätigkeit des Therapeuten auszuüben. Er ist ein Ausbund an Kälte, ein Mensch, der nur Philosophen, vornehmlich Schopenhauer, zitiert und überheblich auf alle anderen herabblickt und sich auf nichts Persönliches einlässt. So stellt er sich dann auch in den ersten Gruppensitzungen vor. Der ganze Roman besteht nun im weiteren Verlauf überwiegend aus den Sitzungen dieser Gruppe. Es geht um Probleme der Ehe, des Alkohols, der Trennung, des Selbstbewusstseins, also um al- les, was gesunden Menschen einfällt, um einen Therapeuten in Anspruch zu nehmen, wenn man sich nicht die Courage zuspricht, selbst mit der Sache fertig zu werden. Die Coolness von Philip wirkt belebend auf die Gruppe, ansonsten schleppen sich die Sit- zungen dahin. Bis Pam auftritt, ein Mitglied der Gruppe, die einige Monate in Indien war, um vielleicht dort mit ihren Problemen besser fertig zu werden als bei Julius. Als sie wieder zur Gruppensitzung kommt, ist der Eklat perfekt. Pam ist eines der Opfer von Philips früherer Sexsucht. Damit ist das dritte leitende Motiv des Romans auf die Bühne getreten: nach dem Tod des Therapeuten und der Konfrontation von Philosophie und Psychotherapie nun das Verhältnis von Täter und Opfer. Die weitere Entwicklung läuft schlüssig ab: Der schopenhauernde Philosoph, eine einzige Karikatur auf einen Philosophen, selbst auf den realen Schopenhauer, wird geknackt, d.h. er fängt irgendwann an zu weinen und zeigt Gefühle, sein Opfer hingegen erkennt in sich verwandte Züge; auch sie benutzt Menschen, konkret einen Teilnehmer der Gruppe, mit dem sie bei Gelegenheit ins Bett geht, Julius stirbt vor der geplanten letzten Sitzung, nach drei Jahren eröffnet Philip in den Räumen von Julius eine philosophische Beratungspraxis.
Natürlich denkt man darüber nach, was das Buch einem sagt. Offensichtlich schlägt die Therapie, die Philip in der Gruppe erhält, an. Allerdings eröffnet er dann nicht eine psychologische Praxis, sondern eine philosophische. Soll das heißen, daß der durch die Psychotherapie, hier genauer: der durch die Psychoanalyse hindurchgegangene total ver- kopfte Philosoph die Kompetenz erworben hat, um so etwas wie philosophische Beratung zu machen? Spricht dieses literarisch absolut unanspruchsvolle Buch von einer notwendi- gen Verbindung, ja, Wiedervereinigung von Psychologie und Philosophie im Dienste der Weisheit? Denn was ist eine Psychotherapie ohne Philosophie? Und was ist die Philosophie ohne den Blick und die Nähe zu den Menschen? Wenn dieses Buch dahin führt, die Idee der Vereinigung von Philosophie und Psychotherapie als einer Wiedergeburt von Weisheit nahe zu legen – denn Weisheit gibt es nicht, seit die Philosophie zur Theorie und die Psychologie zur Therapie geworden ist – dann könnte diesem Buch ein beachtliches Verdienst zukommen. Daß Philosophen und Psychotherapeuten, die über den Rand ihrer Disziplinen blicken, dazu längst Schritte unternommen haben, zeigt, dass da etwas am Entstehen ist.

Gerhard Stamer auf philosophie.de (03.2006)

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