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Hegel

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        Hegel

          ohne Abschied zu nehmen

Vortrag am 4. Februar 2008, Leibniz-Haus, Hannover

Dr. Gerhard Stamer

1.

Die Annäherung an Hegel ist voller Schwierigkeiten. Kaum ein Philosoph hat größere Widersprüche und Ablehnung hervorgerufen als Hegel. Die Philosophie des 19. Jahrhunderts ist beherrscht von der Abwehr gegen Hegel. Karl Löwith hat die Exponenten dieser Abwehr und Abkehr unter dem Stichwort Hegelsche Linke zusammengefasst. Die bekanntesten sind Ludwig Feuerbach, der 1839 eine „Kritik der Hegelschen Philosophie“ veröffentlichte.  Nicht viel später ist es Karl Marx, der Hegel wieder auf die Füße stellen will.  Dann natürlich auch Kierkegaard. Diese drei Philosophen  haben aber ihre entscheidenden Anregungen aus der Abgrenzung zu Hegel empfangen.  Feuerbach setzt eine sensualistische Position der Liebe gegen Hegels Idealismus. Karl Marx, macht zwar die Dialektik fruchtbar für seine Gesellschaftstheorie, das Movens seiner Theorie ist aber nicht der Geist, sondern die Arbeit. Kierkegaard steigt aus der Philosophie Hegels aus, indem er einen subjektiven, religiösen Idealismus an die Stelle setzt. Daß Schopenhauer nur Haß gegen Hegel hatte, ist bekannt. Daß die Naturwissenschaftler ihn verspotteten, ist ebenfalls bekannt. Daß er als totalitärer Denker gilt, dafür hat Sir Karl Raimund Popper gesorgt, der 1945 das bekannte Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ veröffentlichte, in dem die Kritik zwar vor allem gegen Platon formuliert wird, aber doch auf die gegenwärtigen Formen  des totalitären Denkens zielt, wie er sie bei Hegel und Marx wahrnimmt.

Es ist schwer, an Hegel mit einer authentischen Kritik  heranzukommen. Was ist nicht schon alles an Hegel kritisiert worden! Sein Geschichtsobjektivismus, sein absoluter Idealismus, das Fehlen einer Ethik, die geringe Einschätzung des Individuellen. Und vor allem eines: Mathematik, Naturwissenschaft und Technik, die dynamischen Kräfte der Moderne, werden von ihm relativ gering eingeschätzt. Keine Frage: Bei Hegel triumphiert die Wissenschaft des Geistes über die von der Natur. Philosophie und Religion sind die höchsten Formen des sich selbst bewussten Geistes. In dieser Hinsicht ist Hegel der Philosoph traditioneller Kontinuität.

2.

Was will man mit solch einem Denker noch anfangen? Warum sich überhaupt noch um ihn kümmern? Ist es überhaupt noch nötig, ihn zu kritisieren? Eigentlich ist er doch schon längst überwunden, ein toter Hund hieß es einmal. Das ist er aber eben noch nicht.  Warum nicht? Weil er  – ich will es auf den Punkt bringen – 2 Positionen vertritt, d.h. ausgearbeitet hat, die den Ansatz für eine Moderne bilden, die noch auf uns zukommt, bzw. in die wir noch kulturell eintreten. In der Hinsicht steht Hegel für die Diskontinuität mit der Historie, wie es Gerhard Ritter, der berühmte Münsteraner Philosoph ausdrückte. In einer globalisierten Gesellschaft der Information und des Wissens sind Hegels Erkenntnisse über das Geistige geradezu unverzichtbar.

Der erste Punkt ist, dass Hegel die enge Verbindung des Denkens mit dem ihm entgegenstehenden Sein konsequent durchspielt – auch wenn er darin zu weit gegangen sein mag, aber er spielt das durch, so dass aus Hegel ein für allemal klar wird, dass Erkenntnis nur funktioniert, weil Denken und Sein sich in einem engen Zusammenspiel befinden. Die Verbindung des erkennenden Subjekts mit der Welt der Objekte, die erkannt werden, diese Subjekt-Objekt-Beziehung macht den Dreh- und Angelpunkt des Denkens von Hegel aus. Unter Voraussetzung der mittelalterlichen Formel, dass die Wahrheit die Übereinstimmung von Begriff und Sache sei, läßt sich sagen, dass Hegel die Erscheinungen der Welt auf die Wahrheit als die Bedingung ihrer Möglichkeit zurückführt. Nicht die Trennung von Subjekt und Objekt, sondern ihre Verbindung ist das allen Erscheinungen zugrunde Liegende. In seinem Denken beginnt er mit der größten denkbaren Diskrepanz zwischen dem Subjekt und dem Objekt unter erkenntnistheoretischen Gesichtspunkten, um sie zur größtmöglichen Identität – als ihren Grund, dem absoluten Wissen  – zurückzuführen.

Der zweite Punkt ist vielleicht noch wichtiger. Hegel denkt

die Rationalität, den Intellekt, das Erkenntnisvermögen – nehmen Sie welchen Begriff auch immer -, er denkt das Geistige als etwas Lebendiges. Und das in einer solchen Konsequenz, dass die Begriffe Bildung und Erfahrung als Kennzeichen lebendiger Bewusstseinsprozesse von Menschen konstitutiv werden für Erkenntnis. Zur lebendigen Erkenntnis gehört auch immer ein Ich, das erkennt. Im lebendigen Ich geht das Denken vor sich. Dieses lebendige Bewusstsein, das ein Ich darstellt,gilt es zu verstehen.  Geist, Logos sind in erster Linie keine Gesetze, die man aufschreiben kann – man kann sie auch aufschreiben, aber dann sind sie tot; – Geist, Logos ist das, was immer in Bewegung ist, er hinterlässt gewissermaßen Spuren, die als Gesetze, die man aufschreiben kann zurückbleiben, aber das ist es nicht, worum es geht, wenn der Geist begriffen werden soll. Gegenstand des Begreifens ist das lebendige Bewusstsein, so wie es sich in uns vollzieht und ereignet, wie es ununterbrochen im Fluss ist, wie es vom Tag unserer Geburt bis zum Tod eine einzige Biographie bildet.

Die ganze Vergangenheit ist als der Prozeß, den das lebendige Bewusstsein gebildet hat, in der Gegenwart präsent, bewusst oder unbewusst, aber wirkungsvoll, Vergessen schützt nicht davor. So ist jede Biographie ein Bildungsprozeß;  und nur dieses lebendige Bewusstsein, das mit der Welt und sich selbst Erfahrung macht, eine Geschichte hat und Etappen der Erfahrung durchläuft, in der sich die Identität eines Menschen bildet, ist der Gegenstand der Hegelschen „Phänomenologie des Geistes“. Das ist nicht die Mathematik, das ist nicht die Technik, das ist nicht die Naturwissenschaft. Das ist als einziges reales Wesen der Mensch. In dem Menschen vollzieht sich dieser Prozeß des lebendigen sich selbst bewussten Geistes, in welchem sich die Welt, die Natur und die Gesellschaft reflektieren. Die Ideen, die religiösen Gedanken und Empfindungen, das Gemisch aus Denken, Fühlen und Wollen, all das gehört zu diesem lebendigen Erfahrungsfluß. Die Methode Hegels ist der Versuch, dieses Prozeßhafte darzustellen. Und weil diese Darstellung der Vernunftbegabung des Menschen unvergleichlich ist, ist Hegel der Philosoph der Gegenwart, wenn wir auch vieles von ihm über Bord werfen.

3.

Hegel kann man nicht kritisieren, ohne ihn erst einmal darzustellen. Das ist eine gewisse Umständlichkeit, aber anders geht es nicht, denn der Denktypus Hegels ist nicht allgemein bekannt.

Bei Kant habe ich vor allem drei Begriffe behandelt: das Ding an sich, die Freiheit und die Natur. Bei Hegel werde ich mich zunächst nur auf einen Begriff konzentrieren, die Dialektik. Anschließend werde ich die methodischen Konsequenzen der Dialektik an drei Begriffen aufzeigen: dem Individuellen, der Natur und dem Endlichen.

Worum dreht es sich in der Dialektik?  Schon Platon hatte Dialektik als Methode angewandt. Häufig wird unter Dialektik – auch heute noch  – nur eine sophistische Form der Argumentation verstanden. Für Kant, dem großen Inspirator von Hegel war Dialektik noch eine „Logik des Scheins“ (A293), das Blendwerk falscher Vernunftschlüsse, um die Grenzen der Erfahrung zu „überfliegen“, (A 296) kurzum ein „Missbrauch der Kategorien“ (A296) des Verstandes. In der Dialektik habe man es „mit einer natürlichen und unvermeidlichen Illusion zu tun, die selbst auf subjektiven Grundsätzen beruht, und sie als objektive unterschiebt,…“ Daher hat die „Transzendentale Dialektik“ in der „Kritik der reinen Vernunft“ eine besondere Aufgabe, nämlich „…den Schein transzendentaler Urteile aufzuzeigen, und zugleich zu verhüten, dass er nicht betrüge;…“ (A297) Kant geht also davon aus, dass es „…eine natürliche und unvermeidliche Dialektik der reinen Vernunft“ gibt, „nicht eine, in die sich etwa ein Stümper, durch Mangel an Kenntnissen, selbst verwickelt, oder die irgendein Sophist, um vernünftige Leute zu verwirren, künstlich ersonnen hat, sondern die der menschlichen Vernunft unhintertreiblich anhängt;…“ (A298) Sie werden wissen, dass K ant auf diese Weise dazu kommt, die Beweise der Existenz Gottes zu negieren. Gott ist kein Gegenstand wissenschaftlicher Erfahrung.

Um die Differenz von Hegel und Kant ausmessen zu können, bedarf es eigentlich nur der Erinnerung an dieses konträre Verständnis von Dialektik.

4.

Für Hegel ist die Dialektik keine Logik des Scheins, kein trügerisches Blendwerk, sondern die Methode zur theoretischen Darstellung der Wirklichkeit. Dialektik im Kern ist, wenn man es in abstrakter schematischer Form ausdrückt, die Einheit von Identität und Nichtidentität als Grundstruktur der Wirklichkeit. Das versteht natürlich nur, wer es schon verstanden hat. Was meint Hegel damit? Hegel gibt in Hülle und Fülle Beispiele dafür, aber es handelt sich dabei nicht um Beispiele, sondern um Formen der sich entwickelnden geistigen Wirklichkeit; ich werde jetzt zunächst einmal nur ein Beispiel anführen. Was Sie als erstes gleich vergessen sollten, ist das Schema von These, Antithese und Synthese, diesen Dreischritt, den Hegel wie ein Dreieck etwa oder Zirkel unentwegt anlegen würde, um gedanklich voranzukommen. Es geht nicht um eine äußerliche Methode, die an die Inhalte angelegt würde; ganz im Gegenteil, die Methode ist dem Wesen des Inhalts nicht fremd: Form und Inhalt entsprechen sich nach dem methodischen Verständnis Hegels und durchdringen einander.

Nehmen wir einen allgemeinen Begriff wie den des Staats.  Für Hegel ist der Staat die „Wirklichkeit der sittlichen Idee“ (207), er ist „das an und für sich Vernünftige“ (208) Er unterscheidet den Staat grundsätzlich von der Gesellschaft.

„Wenn der Staat mit der bürgerlichen Gesellschaft verwechselt und seine Bestimmung in die Sicherheit und den Schutz des Eigentums und der persönlichen Freiheit gesetzt wird, so ist das Interesse der einzelnen als solcher der letzte Zweck, zu welchem sie vereinigt sind, und es folgt hieraus ebenso, dass es etwas Beliebiges ist, Mitglied des Staates zu  sein.  – Er hat aber ein ganz anderes Verhältnis zum Individuum; indem er objektiver Geist ist, so hat das Individuum selbst nur Objektivität , Wahrheit und Sittlichkeit, als es ein Glied desselben ist. Die Vereinigung als solche ist selbst der wahrhafte Inhalt und Zweck, und die Bestimmung der Individuen ist, ein allgemeines Leben zu führen; ihre weitere Befriedigung, Tätigkeit, Weise des Verhaltens hat dies Substantielle und Allgemeingültige zu seinem Ausgangspunkte und Resultate. – Die Vernünftigkeit besteht, abstrakt betrachtet, überhaupt in der sich durchdringenden Einheit der Allgemeinheit und der Einzelnheit, und hier konkret dem Inhalte nach in der Einheit der objektiven Freiheit, d. i. des allgemeinen substantiellen Willens, und der subjektiven Freiheit als des individuellen Willens – und deswegen der Form nach in einem nach gedachten, d. h. allgemeinen Gesetzen und Grundsätzen sich bestimmenden Handeln. – Diese Idee ist das an und für sich ewige und notwendige Sein des Geistes. –„(208/9)

Im Begriff des Staats hat das Individuum ein ganz anderes Verhältnis zum Gemeinwesen als in der Gesellschaft. Während in der Dimension der Gesellschaft das Interesse der einzelnen als solcher  der letzte Zweck ist, also der Egoismus in der Konsequenz, wird von Hegel der Staat als die Dimension des menschlichen Zusammenlebens bezeichnet, in welcher das einzelne Individuum mit den allgemeinen Zwecken der Gemeinschaft übereinstimmt.  Daß dies dann angesichts der berühmten Auffassung Hegels, dass das Wirkliche vernünftig und das Vernünftige wirklich sei, zu einer Legitimation und Glorifizierung des preußischen Staats führte, ist ein historischer  Nebeneffekt, der die Versöhnung Hegels mit seinen bestehenden Verhältnissen anzeigt, aber mich hier nicht weiter interessiert, weil es in unserem Zusammenhang um die Methode geht, die Konsequenzen nach sich zieht, die für unsere Gegenwart noch gewichtiger sind.  Im Staat also, in dem sich eine Gemeinschaft durch Formen der Öffentlichkeit, der Verwaltung,  Regierung und Partizipation der Bürger  an den allgemeinen Angelegenheiten konstituiert, handelt es sich nach Hegel um die „Vernünftigkeit“, die  sich in der „durchdringenden Einheit der Allgemeinheit und der Einzelnheit“  realisiert. Anders ausgedrückt: Die politische Sphäre, die Sphäre des Staatlichen sei diejenige, in welcher die Individuen mit dem Allgemeinen, dem Gemeinwesen, eine Einheit eingehen.  Das ist ohne Frage – auf den ersten Blick – das Ideal einer gelungenen politischen Ordnung: das Gemeinwesen ist Ausdruck einer freiheitlichen Partizipation ihrer Bürger. Mir geht es nun darum, genauer zu betrachten, was dabei gedacht wird.

Dem Staat wird Allgemeinheit zugesprochen, weil er sich auf alle seine Bürger bezieht. Der Begriff Staat unterscheidet sie nicht, sondern fasst sie zusammen. Das gerade verleiht ihm den Charakter des Allgemeinen. Da der Staat nun aber selbst in seinen Erscheinungsweisen, der Regierung oder der Verwaltung, auch den Menschen als das Allgemeine nicht konkret ansichtig wird, ist er eine Sache, die wir denken, in Bezug auf die wir viele Vorkommnisse zusammenfassend denken. Das allgemeine kommt nur als Gedachtes vor. Es ist das Großartige des Geistigen, dies überhaupt zu leisten: eine unendliche Zahl unter sich subsumieren zu können: alle Menschen eines Staats und dazu die institutionellen Einrichtungen. Und neben der Frage, wie dies das Denken überhaupt zu leisten vermag, stellt sich die andere: Was ist denn das Allgemeine wie in dem Begriff des Staats? Es ist nichts über den Menschen Schwebendes, das sie verbindet, also wie ein Netz oder eine Wolke, das sie umschließt; der Begriff des Staates besitzt seine Wirklichkeit nur darin, dass er das Allgemeine der Menschen zum Ausdruck bringt, auf die er sich bezieht: auf sie als Staatsbürger. Er muß etwas mit ihnen zu tun haben. Er bezieht sich auf sie. Nur darum ist er das Allgemeine aller Personen, die er zusammenfasst. Das Allgemeine geht so die engste Verbindung mit dem Realen ein.

Was aber heißt das genereller gesehen? Der Begriff Staat hat seine  Bedeutung nur, weil er mit den Menschen verbunden ist. Würde er nur ein Begriff in unserem Denken sein und nicht der Begriff, der die realen Menschen meint, würde er keine Wirklichkeit besitzen. Ohne aber andererseits gedacht zu werden, würde es ihn gar nicht geben, denn wir sehen immer nur einzelne Menschen, aber nie den Staat selbst, diese Abstraktion, die grenzenlos alle erfasst.

Bei Hegel ist das aller Wirklichkeit zugrundeliegende und in unentwegtem Streit liegende Prinzip der Gegensatz von Widerspruch und Einheit. So ist der Begriff des Staats in seiner Struktur zwiespältig: Er ist als Begriff eine Einheit: der Staat. Aber er bezieht sich auf eine unendliche Anzahl von Individuen, den Staatsbürgern. Würde nur ein einzelnes sein wie die Individuen, auf die er sich bezieht, so hätte er nicht die Funktion, ein Begriff zu sein, der allgemein ist. Würde er dagegen auseinanderfallen in die Vielheit der Individuen, dann würde es ihn gar nicht gebe. Der Begriff des Staats ist also  widersprüchlich. Er ist einer und zugleich allgemein. Wenn ich sage zugleich, so heißt das: er ist die Einheit, in welcher dieser Gegensatz zusammengeschlossen ist. Ich wiederhole die anfangs zitierte Grundstruktur: der Staat ist die Einheit von Identität und Nichtidentität, des einen, mit sich identischen  Begriffs und der Nichtidentität der vielen Individuen, die als einzelne grundsätzlich von ihm verschieden sind.

Diese Struktur weist aber nicht nur der Staat, sondern ein jeder Begriff nach Hegel auf. Jeder Begriff ist jeweils einer, und er bezieht sich auf eine unendliche Zahl von möglichen Gegenständen, die er unter  sich zusammenfasst, die er subsumiert. Aber der Begriff fasst nicht nur zusammen, sondern er dient auch dazu, die einzelnen Gegenstände voneinander zu unterscheiden, sie zu identifizieren. Das Geistige ist also in seiner kleinsten Einheit, in seinem Atom, wenn Sie so wollen, ein Phänomen des Widerspruchs: es fasst das Gegensätzliche zusammen: das Einzelne und das Allgemeine. Dies hat bis heute niemand so deutlich aufgezeigt wie Hegel.

Diese Widerspruchsstruktur deckt Hegel geradezu an allen Phänomenen unserer menschlichen Existenz auf. So am Bewusstsein. Das Bewusstsein ist immer Bewusstsein von etwas, ist also es selbst und hat doch immer zugleich den Bezug auf anderes, wäre ohne diesen Bezug geradezu nicht das, was es ausmacht. Oder das Selbstbewusstsein. Dem Selbstbewusstsein gelingt es nur durch die Beziehung auf ein anderes Selbstbewusstsein, durch die Anerkennung seitens eines andern Selbstbewusstseins, das es eben nicht ist, zu einem gesättigten Wert seiner selbst zu gelangen.  Das heißt: Das Selbst wird nur durch ein anderes es selbst. Ein Selbst ist daher es selbst  – als einzelnes nur mit sich identisches gedacht – nicht es selbst, sondern gerade durch ein Selbst, das es nicht ist. So treten wahrlich paradoxe Sätze auf, die aber die Wirklichkeit ausdrücken, wie sie vor Hegel noch nie ausgedrückt wurde. Anerkennung ist ein reziprokes Verhältnis.  Das eine erhält seine Identität durch das andere, ein Grundphänomen unserer menschlichen Kommunikation.

Es gibt eine ganze Reihe von Begriffen in Hegels Philosophie, die einen Widerspruch bezeichnen, der jeweils in einer Einheit vorkommt.  Neben dem Einzelnen und dem Allgemeinen, neben Identität und Nichtidentität, sind solche Gegensatzpaare: die Unmittelbarkeit und die Vermittlung (jedes ist ein einzelnes für sich und ist zugleich nur aus der Beziehung zu anderem zu erklären), das Wesen und der Schein, konkret und abstrakt, Sein und Nichts, Substanz und Subjekt, Form und Inhalt, an sich und für sich, das Wirkliche und das Vernünftige, das Endliche und das Unendliche.

Hegels Philosophie hätte nicht die Bedeutung erlangt, wenn es bei dieser Entdeckung der geistigen Zusammenhänge geblieben wäre.  Entscheidend war, dass er aus dieser Widerspruchsstruktur eine Dynamik ableitete, die eigentlich das ausmacht, was Dialektik heißt.  Widerspruch selbst ist bereits das Motiv der Entwicklung. Bei einem Widerspruch kann es nicht bleiben, so empfinden wir intuitiv. Er bedarf der Lösung. Wie kommt man aus dem Widerspruch heraus?  Zumal der Widerspruch noch in einer Einheit ist, dem einen Menschen, der in einem Zwiespalt steckt und es darin nicht aushält, sondern sich davon befreien möchte. Also wird alles Mögliche getan, um aus dem Widerspruch herauszukommen.

In der Dialektik Hegels wird der Widerspruch der Motor der Bewegung. Die widersprüchliche Wirklichkeit ist auf dem Weg das Stadium zu suchen, in dem es keinen Widerspruch mehr gibt. Auf diese Weise beginnt z.B. die „Phänomenologie  des Geistes“ mit dem äußersten Widerspruch.  Phänomenologie  des Geistes ist die Lehre von den Erscheinungen, die das Bewusstsein durchläuft, um zu der Einheit zu gelangen. Und der Weg führt dort über die Erfahrung der gegebenen Welt mit ihren sinnlich wahrnehmbaren Einzelheiten bis hin zu dem absoluten Wissen, das ich hier nur mit der Identität von subjektivem und objektivem Geist bezeichnen möchte.

Es ist das Besondere an Hegels Dialektik, dass er Prozeß und System zusammenfügt. Das System ist bei Hegel kein starres, es hat Subjektcharakter, es ist ein unentwegtes Sichentäußern in die Welt und ein unentwegtes auf sich Zurückkommen wie in Arbeitsprozessen, in denen man etwas vergegenständlicht, verobjektiviert, es von sich entfremdet und dabei doch selbst auch einen Prozeß durchläuft, in welchem man sich selbst entwickelt und bildet. Auf der Suche nach der Einheit, auf der Suche nach dem Zustand der Widerspruchslosigkeit befindet sich der Geist in Hegels Philosophie triebhaft in Aktion. Das ist die Arbeit der Vernunft. Sie bewältigt die Widersprüche, indem sie zu immer höheren Formen der Synthese gelangt, auf deren Stufen sich aber immer wieder  neue Widersprüche auftun, die erst im absoluten Wissen getilgt sind, wo Bewegung und Ruhe in Harmonie sind. Der Weg ist ein Weg angestrengter Erfahrung, den das menschliche Bewusstsein im historischen Prozeß als Gattung und im biographischen als einzelnes Individuum macht. Erfahrung ist der Zentralbegriff in Hegels „Phänomenologie des Geistes“.

Die Systematik, der wir heute zumeist mit dem Vorbehalt begegnen, sie würde die Wirklichkeit gewaltsam in vorgeprägte Muster zwängen, hat auch ihr Gutes, das an Hegel zu studieren ist: Durch die Beziehung der verschiedenen Bereiche aufeinander treten überhaupt erst bestimmte Fragen auf, die zuvor gar nicht sichtbar waren. Außerdem wird der Einfluß des Ganzen auf das Einzelne, auf die einzelnen Bereiche erst dadurch sichtbar, dass sie in einen systematischen Zusammenhang gebracht werden. Die Vorliebe für das Unsystematische ist der Verzicht auf die Reflexion, welchen Einfluß das Ganze auf das Partikulre besitzt. Es kommt nie zu einem zusammenfassenden Überblick.

5.

Ich möchte nun zur Kritik übergehen, wohl wissend – und mich auch schon jetzt dafür entschuldigend -, dass es kaum möglich ist, nach solch kurzer skizzenhafter Darstellung der Gedanken von Hegel zu einer Kritik überzugehen. Die größte Rechtfertigung besteht darin, dass wir heute bei der Überflutung mit Informationen es schaffen müssen, in komprimiertesten Formen das Überlieferte uns vor Augen zu führen, um zu einer Kritik der Gegenwart fähig zu sein.

An 3 Punkten möchte ich in diesem Sinne kritische Lehren aus Hegels Philosophie ziehen, die uns zur Kritik an unserer Gegenwart befähigen können.

Die erste Lehre ließe sich unter dem Stichwort Aufhebung des Individuellen zusammenfassen. Das Individuelle in Hegels Philosophie ist nichts mehr für sich selbst, es geht im Allgemeinen auf. Am deutlichsten tritt das in Hegels Geschichtsphilosophie hervor. Dort heißt es: „Die Geschichte hat vor sich den konkretesten Gegenstand, der alle verschiedenen Seiten der Existenz in sich zusammenfasst; ihr Individuum ist die Weltgeschichte.“ (33) Nicht die einzelnen menschlichen Individuen sind gemeint, sondern der Weltgeist als ganzes wird als Individuum bezeichnet. Das Konkrete ist nicht das einzelne Individuum, wie wir es heute sehen, sondern das abstrakteste, das Ganze, der Weltgeist, der die Geschichte prägt. Die menschlichen Individuen befinden sich in dieser Substanz, die der Weltgeist darstellt. „Kein Individuum kann über diese Substanz hinaus; es kann sich wohl von anderen einzelnen Individuen unterscheiden, aber nicht von dem Volksgeist“ (60), in welchem sich der Weltgeist manifestiert. „Die Individualitäten also verschwinden für uns und gelten uns nur als diejenigen, die das in Wirklichkeit setzen, was der Volksgeist will.“(60) Nicht ohne Erschrecken ist heute dieses Vokabular zu hören. Ich zitiere weiter: „In der philosophischen Betrachtung der Geschichte muß man absehen von solchen Ausdrücken wie: ein Staat wäre nicht zugrunde gegangen, wenn ein Mann dagewesen wäre, der usw. Die Individuen verschwinden vor dem allgemeinen Substanziellen, und dieses bildet sich seine Individuen selbst, die es zu seinem Zwecke nötig hat. Aber die Individuen hindern nicht, dass geschieht, was geschehen muß.“ (60)Man möchte gar nicht daran denken, dass sich auch ein Führer als dieses Substanzielle setzen kann. Aber vielleicht ist es dann ein billiger Trost, dass auch der Volkgeist kein ewiges  Bestehen hat.

„Der besondere Geist eines besonderen Volkes kann untergehen; aber er ist ein Glied in der Kette des Ganges des Weltgeistes, und dieser allgemeine Geist kann nicht untergehen.“ (60)

Bleibend sind nur „…Momente des einen allgemeinen Geistes, der durch sie in der Geschichte sich zu einer sich erfassenden Totalität erhebt und abschließt.“ (75)

Ohne Trost ist das Schicksal der einzelnen Individuen: „Es kann auch sein, dass dem Individuum Unrecht geschieht; aber das geht die Weltgeschichte nichts an, der die Individuen als Mittel in ihrem Fortschreiten dienen.“ So ist es dann kein Wunder, dass vom Glück in diesem System keine große Rede ist:“…aber die Geschichte ist nicht der Boden für das Glück. Die Zeiten des Glücks sind in ihr leere Blätter.“ (92) Hegel versubjektiviert den Weltgeist zu einer Idee, die nach den eigenen Gesetzen durch die Weltgeschichte schreitet. Es ist an sich kaum zu fassen, mit welch einer Selbstverständlichkeit der Vorrang des Allgemeinen vor dem Einzelnen hier gedacht wird. Bei aller Kritik an einem gegenwärtigen Individualismus kann nicht übersehen werden, dass bis heute die großen gesellschaftlichen, politischen Katastrophen aus den Anmaßungen des Allgemeinen gegenüber den Individuen geschehen sind. Oder war der Blick Hegels vollkommen richtig, indem er die Macht des Allgemeinen über die Einzelnen nur zu richtig einschätzte, was überhaupt erst im 20. Jahrhundert sich zum totalen Verhängnis entpuppte. Aber dann wäre unter keinen Aspekten mehr – bei aller Liebe zu Widersprüchen – Hegels Diktum aufrecht zu erhalten, dass dies Wirkliche auch das Vernünftige sei, wie es in seiner Rechtsphilosophie heißt.

Auf der Stufe unserer historischen Erfahrung, in der auch etwas von Reife steckt, lässt sich daher sagen:

Das Individuelle geht nicht in dem auf, was an ihm das Allgemeine ist. Das Individuelle ist gerade dadurch Individuum, dass es nicht im Allgemeinen aufgeht. Das Allgemeine ist nur ein Aspekt des Individuellen. Und die Würde des Menschen hat eine Affinität zu dem Individuellen am Individuellen.

Der 2. Punkt meiner Kritik betrifft Hegels Verhältnis zur Natur. Ich beziehe mich hierbei vornehmlich auf die Ausführungen von Hegel über die Naturphilosophie im Rahmen seiner Enzyklopädie. Er reflektiert darauf, dass sich die Natur in der Vielfalt ihrer Erscheinungen, ihrer  Spezifikationen und Besonderungen nicht bis ins Letzte unter Begriffe zu subsumieren sind. Aber dies sieht Hegel nicht als Mangel der Begriffe an, denen prinzipiell die Abstraktion eignet, sondern als einen Mangel der Natur. Hegel spricht von der „Ohmacht der Natur“,  den Begriffsbestimmungen gemäß zu sein. „Jene Ohnmacht der Natur setzt der Philosophie Grenzen und das Ungehörigste ist, von dem Begriffe zu verlangen, er solle dergleichen Zufälligkeiten begreifen -…“

„Die Gestalten der Natur sind nur Gestalten des Begriffs, jedoch im Elemente der Äußerlichkeit,…“ (Enz. 539)

In Hegels Logik wird die Natur nicht nur als das Äußerliche, sondern als das Andere des Geistes bezeichnet.

„Aber indem der Geist das wahrhafte Etwas, und die Natur daher an ihr selbst nur das ist, was sie gegen den Geist ist, so ist, insofern sie für sich genommen wird, ihre Qualität eben dies, das andere an ihr selbst, das Außer-sich-seiende (in den Bestimmungen des Raums, der Zeit, der Materie) zu sein.“ (L1/134) Die Wertlosigkeit der wirklichen Dinge kann deutlicher nicht ausgedrückt werden:

„Daß die wirklichen Dinge mit der Idee nicht kongruieren, ist die Seite ihrer Endlichkeit, Unwahrheit,…“( Logik2, 410)

Auch hier liest man die Sätze nicht ohne Erschrecken und fragt sich, warum dies die Konsequenzen einer Philosophie sein müssen, die sich der Sache des Geistes angenommen hat wie keine zweite. Hegel hat die Natur zu einer puren Erscheinung des Geistes, der Ratio gemacht. Diesen Übergriff würden wir aus heutiger Sicht mit seinen drohenden katastrophalen Folgen nur durch die Grenzen des Zeithorizonts rechtfertigen können, wenn nicht andererseits gerade in dem, was er zum Ausdruck bringt, die Blindheit der menschlichen Zivilisation zum Ausdruck kommt. Dann aber wäre auch hier nicht davon zu sprechen, dass das Wirkliche das Vernünftige ist. Diesen Satz hätte Hegel fallen lassen müssen, wenn er ihn als Kritik einer zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklung gemeint hätte.

Heute sind wir weit entfernt von Hegels Naturvorstellung. Wir fürchten ihre Konsequenzen. Ganz im Gegenteil zu Hegel lässt sich Folgendes sagen:

Wir können die Natur erkennen. Das Denken durchdringt die Natur, aber nicht so, dass es die Natur aufhebt und daß die Strukturen der Natur die des Geistes sind. Das Materielle wird nicht aufgehoben, es bleibt etwas für sich, z. B. die Luft, das Wasser; die Elemente sind nicht aus dem Geist abzuleiten, nicht Eisen, nicht Chlor, nicht Sulfide nicht Schwefelsäure oder irgend eine Lauge.  Die Natur ist vielfältiger als es der Begriff zu fassen vermag. Es ist nicht die Ohmacht der Natur, die sich darin zeigt, sondern die des Geistes, der nur über Abstraktionen zur Natur gelangt – und über Fest-stellungen in Begriffen, die der lebendigen Natur prinzipiell nicht entsprechen.  Die Natur hat eine Eigenheit gegenüber dem Geistigen, obwohl sie sich erkennen und insofern durchdringen lässt.

Für das Verhältnis von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft war Hegels Theorie verheerend angesichts seines großen Einflusses in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Reduktion der Natur auf logische Formen, die letzte Konsequenz von Hegels Denken, negiert die empirisch-mathematische Naturwissenschaft.

 

Der dritte Punkt , auf den ich kritisch eingehen möchte, betrifft die Aufhebung des Endlichen. Die beiden bereits besprochenen Punkte verdichten sich zu der Gesamtaussage, der Aufhebung des Endlichen. Was ist damit gemeint?

Es wird ausreichen, dazu einen berühmten Satz aus der Logik Hegels zu kommentieren. „Der Satz, dass das Endliche ideell ist, macht den Idealismus aus.“ (181) , heißt es dort. Daß das Endliche ideell ist, bedeutet, dass das Endliche imgrunde von der Art des Geistigen sei. Ob die Aufhebung des Individuellen in das Fortschreiten der Idee, ob das Aufheben der Natur in die Logik des Geistes: es sind immer Formen der Aufhebung des Endlichen.  In der Logik argumentiert Hegel mit der Entgegensetzung des Unendlichen und des Endlichen. Es hat tatsächlich eine schlagende Plausibilität, zu denken, dass das Unendliche nicht  der Gegenpol zum Endlichen sein könne, denn das Unendliche kann keine Grenze am Endlichen haben, denn dann wäre es selbst ein Endliches, ein Begrenztes. Das Unendliche kann also konsequent nur so gedacht werden, dass es das Endliche in sich aufnimmt. Dies entfaltet Hegel in allen seinen Werken. Die Logik enthält dafür die krassesten Ausdrücke:

„Das Endliche ist nicht das Reale, sondern das Unendliche.“ , (174) „Das Nichtsein des Endlichen ist das Sein des Absoluten.“(L“/ 62)

Die Demonstration der Aufnahme des Endlichen ins Unendliche ist der argumentative Weg Hegels in der „Phänomenologie des Geistes“. Allein das erste Kapitel „Die sinnliche Gewissheit oder das Diese und das Meinen“ böte Gelegenheit für mehr als eine Stunde, um Hegels Gedanken auf die Schliche zu kommen.  Welcher Begriff auch gewählt wird, bis hin zu den einfachsten: dem Hier, dem Jetzt oder dem Diesen, immer handelt es sich um Ausdrücke eines Allgemeinen.  Hegel kann bravourös zeigen, dass alle Begriffe, über die wir in der Sprache verfügen, allgemeine sind, so dass alles, was wir mit ihnen bezeichnen wollen, selbst ein Allgemeines ist.  Das Einzelne, das ausgedrückt werden soll, ist unerreichbar, alle Begriffe sind allgemein. Im Fortgang durch die ganze „Phänomenologie des Geistes“ wird auf die Weise demonstriert, dass alles, was sich als Einzelnes, als Unmittelbares zeigt, aufgehoben wird in das Allgemeine. Der Prozeß endet im Allgemeinen, das alles aufgehoben hat. Aber es stellt sich natürlich die Frage, was das bedeutet.

Das Endliche geht nicht im Unendlichen auf, so wie man es in einer sprachlichen, rein theoretischen Prozedur vorgeführt werden kann. Nur im Denken ist das möglich. Sartre führt als Beispiel die Borke eines Baums an. Niemals kann der Begriff die Vielfältigkeit der Borke eines Baums zum Ausdruck bringen. Es gibt keine Beschreibung, die dem gleichkäme.  Der Begriff ist immer eine Abstraktion. Der Begriff in seiner Abstraktion bleibt unendlich verschieden von den Gegenständen, auf die er sich in Raum und Zeit bezieht, die er in Raum und Zeit unter sich subsumiert.  

Die Aufhebung, die im Geiste vor sich geht, geht nicht real vor sich. Das Aufheben in der Erfahrung, die wir in unserem Leben machen, ist kein wirkliches Aufheben. Die erfahrungsmäßig aufgehobenen Ereignisse oder Lebensetappen hinterlassen Spuren, Narben oder existieren sogar weiter, auch wenn man nichts mit ihnen mehr zu tun hat. Sie kommen sogar zurück in die Gegenwart wie das Verdrängte, das wiederkehrt.

Die Identität von Vernunft und Wirklichkeit, ausgesprochen in dem berühmten Zitat aus der Rechsphilosophie „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“(14) , diese Identität von Vernunft und Wirklichkeit ist nicht nur der Vernunft nicht angemessen. Die Vernunft geht immer über die Wirklichkeit hinaus; noch ist der Satz der Wirklichkeit angemessen, denn auch die Wirklichkeit geht immer über den Satz hinaus. Diese Identifikation ist außerdem die Negation der Moral, denn sie negiert die in die Zukunft gerichtete Dimension des Sollens, das besteht, selbst wenn die Wirklichkeit eine andere ist. 

6.

Wenn nun das Ganze überblickt wird, welches Resultat ist zu ziehen? Wie kommt man aus der architektonischen Konstruktion von Hegels Gedankengebäude heraus?

 

Erstens ist ein Unterschied zu machen, zwischen den übrigen Wesen und Dingen und dem Menschen. Was für den menschlichen Geist gilt, kann zwar nicht verabsolutiert werden;  d.h. die Physik hat ihre Geltung im Bereich des Anorganischen, die Biologie hat ihre Geltung im Bereich des Organischen. Diese Geltungen bleiben auch für den Menschen bestehen, aber es kommt der Bereich des Ideellen hinzu. Hegel allerdings verabsolutiert den Bereich  des Geistigen. Das Geistige ist zwar kompatibel mit der Welt in Raum und Zeit, aber nicht identisch. Die Natur hat ihre Eigenheit. Die Individuen, so weit sie auch durch das Allgemeine bestimmt werden und  bestimmbar sind, auch sie besitzen ihre Eigenheit.  Auch das Endliche hat seine eigene Würde. Es geht nicht auf im Unendlichen. Was jetzt hier da ist, ist jetzt hier da und kann durch keine Unendlichkeit annulliert oder aufgehoben werden. Das Unendliche mag vielleicht sogar ein Schein sein, aber das Endliche, das jetzt hier passiert,  ist in dem Geschehen der Präsenz – und sei es Täuschung – wesenhaft wirklich. Möglicherweise müssen wir das Endliche im Verhältnis zum Unendlichen ganz anders denken: Vielleicht ist nicht das Endliche der Schein und die Unwahrheit des Unendlichen, in welchem es aufgehoben ist, sondern das Unendliche bedarf des Endlichen zu seinem Erscheinen. Das Unendliche wäre dann selbst nur das Scheinhafte, während das Endliche objektive Realität besäße.  Vielleicht ist auch das Bewusstsein, in dem wir unsere Realität haben die einzige wirkliche, die äußerste manifest gewordene Wirklichkeit, unsere Natur, die nicht zu reduzieren ist, weder auf Gesetze, noch Kausalitäten, noch auf das Unendliche.  Alle Wirklichkeit hängt von unserer Präsenz ab. Alle Wirklichkeit ist in unserer Präsenz gegeben, wenn auch nicht auf sie zu reduzieren. Unser menschliches Bewusstsein, wie es sich in der Gemeinsamkeit unserer Kommunikation ergibt, realisiert die Wirklichkeit, vergegenwärtigt die Wirklichkeit. Unsere Wirklichkeit ist nicht auf irgend etwas zurückzubeziehen oder abzuleiten, sondern alles ist als Vergegenwärtigung in unserem Bewusstsein aufzufassen. Das Endliche ist somit nicht die Schöpfung des Unendlichen: das wäre der pure Wahnsinn. Aber die Endlichkeit unserer Geistigkeit ist der Ort der Präsenz der Welt in ihrer Unendlichkeit. In dieser Präsenz der Welt, in unserem bewussten Sein, wird wie gesagt, auch das Unendliche offenbar, auch in Gestalt der Begriffe und der Gesetze. Das Endliche ist der Ort, an dem die Energie, wenn man es so ausdrücken möchte,  zu Tage tritt, anders: an dem das Licht angeht: wie es aus dem Kupferdraht heraustritt und plötzlich als Licht da ist. Der fließende Strom mag eine Ursache sein, aber er wird präsent im Licht – und ist in dieser Erscheinungsform nicht irgendwie rückführbar. Das Licht bringt eher  hervor, was im Dunkel des fließenden Kupferdrahts vorhandenen war. Das Verhältnis des im Kupferdraht fließenden Stroms zum Licht, das er erzeugt, mag eine Analogie sein für das Verhältnis von Gehirn und Bewusstsein.

Das Licht ist etwas, das im Draht nicht erscheint. Entsprechend sind die Vorgänge im Gehirn nicht das Bewusstsein, das  denkt und seine Wirklichkeit erlebt. Das bewusste Erleben ist nur im bewussten Erleben vorhanden. In der menschlichen bewussten Wirklichkeit geht gewissermaßen das Licht auf, wenn Sie mir die Metapher gestatten.  Und das Licht ist es selbst und nicht  etwas anderes. Ein ganz neues Denken ist nötig, in welchem die Endlichkeit als Geistiges ernst genommen wird.

Mir scheint, dass die Hegelsche Aufhebung des Endlichen ein äußerst kritisches Theorem ist. Das Unendliche gibt es nicht im räumlich und zeitlich ausgedehnten Kosmos, es hat den Ort seiner Erscheinung im lebendigen Bewusstsein der Menschen. Hegels Weg zur Konkretion im absoluten Wissen ist der Weg in die Abstraktion.  Was theoretisch sich aufheben lässt, läßt sich nicht wirklich aufheben. Auch in der Erfahrung gibt es keine Aufhebung. Es gibt höchstens Entwicklung und Überwindung von Standpunkten. Das Endliche bleibt. Das Absolute ist die Entfremdung vom Endlichen, nicht seine Aufhebung. Der Idealismus hat sich damit selbst negiert, denn auch er hat seine Realität im Endlichen.

Das Endliche ist nicht zu überfliegen. Es gibt auch keine Erhebung des endlichen Menschen zum Unendlichen im Wissen. Der Bezug zum Unendlichen bleibt eine Sache des  Glauben. Die gigantische philosophische Konstruktion Hegels, der Beweis Gottes durch die Aufhebung des Endlichen, gelingt nicht. Das Denken bleibt auf der Erde als ein irdisches Vermögen, das kompatibel mit der Welt und der Natur ist, aber keine Besitzergreifung des Absoluten im Wissen.

Hegel hat entschieden zur Ablehnung der Philosophie und der Geisteswissenschaft von Seiten der Naturwissenschaft beigetragen, indem er den Geist als das Unendliche setzte, für das das Endliche nur Durchgangsstationen bildet. Für die Naturwissenschaft hat das Endliche als das Empirische eine unauflösbare fundamentale Bedeutung. Das ist die Differenz. Wenn der Geist als der Geist des Endlichen verstanden wird, kann er, muß er von der Naturwissenschaft auch anerkannt werden. Hier liegt der Schlüssel zur Überwindung der Trennung von Natur- und Geisteswissenschaft – die, wenn sie geschieht, eine neue Kultur hervorbringt, eine auch den Geist einbeziehende Naturwissenschaft, die der Informationsgesellschaft und der Globalisierung auch angemessen ist und eine Geisteswissenschaft, die sich in der gesellschaftlichen Realität verankert weiß.

Symposium 2008

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4. und 5. November 2008 – Leibnizhaus Hannover

interne Veranstaltung

Einleitung

Das Symposium hat das Ziel, den traditionellen Universalitätsanspruch der Philosophie zur Diskussion zu stellen. Es geht um die Frage, ob die Philosophie nach wie vor die Disziplin ist, in welcher die Reflexion auf die Einheit der Wissenschaften ihren legitimen Ort besitzt – und wenn ja, wie diese Kompetenz unter den gegenwärtigen Bedingungen zu gestalten ist. Es geht dabei natürlich auch um die Konsequenzen, die unvermeidbar sind, wenn keine Reflexion auf die Einheit der Wissenschaften erfolgt. Weiterlesen

Immanuel Kant

Vortrag im Rahmen der Vortragsreihe:Fertig werden mit … ohne Abschied zu nehmen. Annäherung an ein Verständnis der Gegenwart.

23. Januar 2008, Hannover

Gerhard Stamer

Guten Abend,

ich beginne heute mit einer Vortragsreihe, die den Titel trägt, „Fertig werden mit … ohne Abschied zu nehmen“. Es geht um Annäherungen an ein Verständnis der Gegenwart. Die Geschichte entwickelt sich weiter, auch die Erfahrungen, auch das Verhältnis zu den Theorien. Am Anfang mag man von der einen oder anderen absolut überzeugt sein, vor allem, wenn man sich lange mit einer befasst. Mit der Zeit aber entsteht doch eine Distanz, das Verhältnis kühlt sich ab. Weiterlesen

Reflexionen Bd. 3: “Habermas – oder das Elend der Verfahrensrationalität”

Dr. Gerhard Stamer, LIT-Verlag, Münster 2007 (ISBN 978-3-8258-0243-1)

Dieser Band zeigt die kontraproduktiven Folgen eines Denkens – wie das von Jürgen Habermas – auf, das die substanziellen Gehalte der traditionellen Kultur durch Negation der Metaphysik bewahren möchte.

Reflexionen 3Die Veröffentlichungen von Jürgen Habermas sind als Kritik des Zeitgeistes selbst Zeitgeist. Die in ihnen geäußerten prägnanten Positionen bieten darum eine geeignete Möglichkeit, ein sich bewußt modern verstehendes Denken zum Gegenstand zu machen. Das hier vorliegende Buch hat die Zielsetzung, in plastischer Argumentation die Grenzen der theoretischen Konzeption von Habermas aufzuzeigen, um dabei zugleich eine eigene zu umreißen. Der inhaltiche Schwerpunkt der gesamten Arbeit besteht darin, die reduktionistischen Konsequenzen einer Philosophie sichtbar zu machen, die sich programmatisch der Metaphysik verweigert. Eine dieser Konsequenzen ist das Scheitern des Versuchs, Denken und Bewußtsein in der Dimension der Sprache abzuhandeln., eine weitere, die Aussagenlosigkeit und Begründungsschwäche einer voluminös ausgebreiteten Philosophie, die sich keine Inhalte mehr zutraut. Selbst die innere Konsistenz der systematischen Konzeption ist fragwürdig, denn der klaffende Widerspruch zwischen einer Konstituierung der Gesellschaft durch bewußte sprachlich-symbolische Sinngebung einerseits und der Lebenswelt andererseits, die transzendental aller Bewußtseinstätigkeit vorangehen soll, ist nicht zu übersehen.

In der Auseinandersetzung mit den Grundzügen des Denkens von Habermas nehmen die alternativ skizzierten und in dem Sinne positiven Inhalte dieser Arbeit Gestalt an. Der größte Raum wird dabei der Explikation der logischen Existenziale gewidmet. Sie sind die Elemente, aus denen die Eigenständigkeit der Dimension von Bewußtsein und Denken hervorgeht. In diesem Kontext gewinnt — fernab von jeder Überschwänglichkeit — die Einheit von Geist und Natur in einem Ganzheitskonzept, das sich dem Denken der metaphysischen Tradition verbunden weiß, ihre Plausibilität. Das bewußte Erleben wird im Kontrast zu den Sätzen naturwissenschaftlicher Objektivität als die primäre, ursprüngliche Realität des Menschen ausgewiesen, woraus eine aktive Deutung des Menschen abzuleiten ist.

Die Form der Arbeit ist für das Genre von ungewöhnlicher Lebendigkeit. Sie wird durch eine Darstellung erreicht, die grundsätzlich den Charakter des Dialogs hat und durch Briefe, Gespräche im Kreis von Freunden, Vorträgen, theoretischen Ausarbeitungen, auch Notizen, im besten Sinne des Wortes ein kommunikatives Handeln vor Augen führt.

„Dilthey und die Hermeneutik“

3. Vortrag im Rahmen der Vortragsreihe „Die Theorie der Erkenntnis“ 18. Juni 2007, Leibnizhaus  Hannover

Gerhard Stamer

Guten Abend,

in der Reihe Theorie der Erkenntnis spreche ich heute über Dilthey und die Hermeneutik. Das ist der dritte Vortrag in der Reihe. Zunächst möchte ich den Kontext des heutigen Vortrags und damit zugleich auch der gesamten Reihe überblickshaft skizzieren. Die Vortragsreihe steht in Zusammenhang mit dem von Bundesministerin Frau Schavan ausgerufenen Jahr der Geisteswissenschaften. Die Reihe zielt darauf ab, die Produktivität und Lebendigkeit der Geisteswissenschaften vor Augen zu führen. Dabei möchte ich sogleich am Anfang eine nicht unwichtige Anmerkung machen. Die Philosophie lässt sich nach meiner Auffassung nicht den Geisteswissenschaften einordnen. Sie war ohne Frage durch ihre gesamte Geschichte die wissenschaftliche Disziplin, die sich dem Phänomen Geist am intensivsten zugewandt hat. Vielleicht lässt sich sogar sagen, dass der Geist das zentrale Thema der Philosophie seit  ihren Anfängen war. Der Begriff des Logos, des Nous, der Idee stammen aus diesen antiken griechischen Anfängen. Aber dennoch  ist die Philosophie nicht einfach eine Geisteswissenschaft, denn die Philosophie ist auch zu allen Zeiten die Grundlagenwissenschaft der Naturwissenschaft gewesen. Philosophie überhaupt ist geradezu die Reflexion auf das Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaft.  Die Philosophie ist mit einem anderen Blickwinkel zu bestimmen. Sie ist die Bemühung der Menschen, zu jeder historischen Epoche, das Verhältnis der Menschen zur Welt  und zu Gott zu bestimmen und damit in eins sich selbst und ihren gesellschaftlichen Zusammenhang zu deuten.  Deshalb steht die Philosophie ihrem traditionellen Anspruch nach über Natur- und Geisteswissenschaft. Das ist keine Anmaßung.  Die Philosophie bläst sich dabei nicht auf. Sie ist einfach der Ausdruck dafür, dass sie die Disziplin ist, in der die Menschen seit je über das große Ganze nachgedacht haben. Sie ist die Disziplin der Besinnung des Menschen auf sein Leben – und das schließt alles ein. Diese Disziplin ist kein Teil von irgendetwas. Und sie ist nötig.  Wir Menschen brauchen eine Disziplin, die das Ganze in den Blick nimmt, denn wir leben als Ganze in der Vielfältigkeit dieser Welt.  Nichts kann uns gleichgültig sein, nicht die Biologie, nicht die Psychologie, nicht die Chemie, nicht die Soziologie, nicht die Sprachphilosophie usw. In uns schließt sich das Ganze zu einer Einheit zusammen, es ist in uns zusammengeschmolzen – und  die verschiedenen Wissenschaften nehmen nur auseinander, was in uns in Einheit vorhanden ist, sie spezialisieren sich, weil Erkenntnis nur durch Eingrenzung möglich ist. Gerade dadurch gibt es die Erkenntnisfortschritte. Aber zugleich muß das Bewusstsein des Ganzen als wissenschaftliche Disziplin vorhanden bleiben. Daher ist die Philosophie wichtig. Sie darf sich nicht von den in die Spezialdisziplinen vertieften Experten in die Einseitigkeiten hineinziehen lassen. Sie muß immer wieder den Blick für das Ganze öffnen. Das ist die spezielle Aufgabe der Philosophie.

Dabei bin ich bei unserem Thema. Aus welcher konkreten Gedankenkonstellation, aus welchem Kontext behandle ich Dilthey? Dilthey steht in einer Reihe von Denkern, die sich gegen eine Verabsolutierung der naturwissenschaftlichen Erkenntnismethoden wandten.

Die Moderne fängt an mit den großen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, die mit den Namen Kopernikus, Kepler, Galilei verbunden sind. Das ist die Zeit von 1500 bis 1650. Zu gleicher Zeit deutet Francis Bacon  (1561-1626) die neue, moderne Stellung des Menschen zur Welt. Ich umreiße Bacons Gedanken im Stil eines Lexikons: Das Ziel der Wissenschaft ist die Beherrschung der Natur zum Nutzen der Gesellschaft. Damit die Menschen zu einer objektiven Erkenntnis gelangen, Erkenntnis vorgestellt als Abbild der Natur, müssen sie sich von Vorurteilen , sogenannten Idolen befreien.  Bacon spricht in seinem „Novum Organum“ von 4 Arten von Vorurteile:

Das erste Vorurteil entspringt der Natur der menschlichen Gattung: Unser Verstand und unsere Sinne erfassen die Wirklichkeit nur nach menschlichem Maß. Und da der Verstand ein unebener Spiegel sei, würde es zu  Trugbildern kommen.

Das zweite Vorurteil liegt in den Individuen. Ihre Besonderheiten – Anlagen, Erziehung, Neigungen – führen zu verfälschenden Wahrnehmungen der Wirklichkeit.

Das dritte Vorurteil kommt durch die Sprache zustande. Durch falsche Bedeutungen, die wir den Sachen beilegen, kommt es zu Irrtümern.

Das vierte Vorurteil entspringt aus den falschen Lehren der verschiedenen Philosophieschulen.

Als oberste Wissenschaft rangiert bei Bacon die Prima Philosophia. Ihre Aufgabe ist die Erarbeitung der allen Wissenschaften gemeinsamen Grundlagen, also Wissenschaftstheorie, wie wir heute mit einem Wort sagen würden. Diese Vorstellung liegt – natürlich in einer aktuellen Fassung – aber im Prinzip doch unverändert, dem Konzept zugrunde, nach dem momentan das Philosophische Seminar an der Universität umgestaltet werden soll.

Nur unwesentlich später beginnt eine Traditionslinie, die ebenfalls die Neuzeit bestimmt. Sie beginnt mit René Descartes, der von 1596 bis 1650 lebte. Diese Traditionslinie, so eng sie sich in ihren Hauptrepräsentanten auch mit der aufkommenden modernen Naturwissenschaft verbunden weiß, stellt gerade angesichts des Aufkommens der Naturwissenschaften mit ihren Erkenntnisstandards eine Realität heraus, die offensichtlich von den Methoden der Naturwissenschaften nicht erfasst wird. Sie widerstreitet ohne Provokation der Verabsolutierung naturwissenschaftlicher Erkenntnismethoden. Es fängt spektakulär mit Reneé Descartes an. Er unterschied fundamental zwischen der res extensa und der  res cogitans, zwischen der äußeren Welt der Ausdehnung in Raum und Zeit und der Welt der Gedanken, die prinzipiell keine Ausdehnung besitzen.  Res cogitans fasst alle unsere gedanklichen Erkenntnisse und Erlebnisse zusammen.

Der nächste in dieser Reihe ist Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716). Auch Leibniz trifft diese Unterscheidung in leicht abgewandelter Form und auch mit leicht  veränderten Konsequenzen. Leibniz antwortet mit seiner Lehre von der prästabilierten Harmonie auf die offensichtliche Differenz zwischen dem immateriellen Denken und dem materiellen Sein der Dinge in Raum und Zeit. Wir selbst als Menschen gehören beiden Bereichen an insofern wir Körper und Seele, bzw. Bewusstsein besitzen. Er sagt:

„Die Schulphilosophen glaubten, es gebe einen wechselseitigen physischen Einfluss zwischen der Seele und dem Körper; seitdem man aber richtig bedacht hat, dass der Gedanke und die ausgedehnte Stoffmasse keine Verbindung miteinander haben, und dass beide erschaffene Dinge sind, die sich toto genere voneinander unterscheiden, haben mehrere Neue erkannt, dass es keine physische Verbindung zwischen der Seele und dem Körper gibt, obwohl immer die metaphysische Verbindung besteht, die bewirkt, dass Seele und Körper ein Zugrundeliegendes oder das bilden, was man eine Person nennt.“( Leinkauf S. 379) Leibniz ist der Auffassung, dass die Prinzipien der Physik und besonders der Mechanik nicht aus Gesetzen mit mechanischer Notwendigkeit hergeleitet werden könnten, sondern insgesamt zu ihrer Begründung der Berufung auf eine höchste Intelligenz bedürften (Leinkauf S. 200) Schließlich unterscheidet er zwischen dem Reich der Natur und dem der Gnade, d.h. der Gemeinschaft geistiger und moralischer Wesen unter göttlicher Führung.

Der nächste Philosoph, der in dieser Reihe eine herausragende Rolle spielt, ist Immanuel Kant. Kant unterscheidet rigoros zwischen  Natur und Freiheit, zwischen theoretischer und praktischer Vernunft, zwischen dem, was ist und dem, was sein soll, zwischen Naturwissenschaft und Morallehre. Kant ist nicht anders als Leibniz auch ein Vertreter der Naturwissenschaft. Bis heute hat er die gültigen Grundlagen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis herausgearbeitet. Aber für ihn hat die Praktische Vernunft den Primat. Die durch Freiheit geschaffene freie Gemeinschaft der Menschen ist der Blickwinkel, aus dem heraus Naturwissenschaft, Technik, Ökonomie und alle anderen Bereiche der menschlichen Gesellschaft betrachtet werden müssen, wenn Humanität herrschen soll. Kant entfaltet das Panorama praktischer Vernunft als die große Aufgabe der Menschheit, die durch Natur an den Punkt gebracht worden ist, die Geschicke selbst in die eigene Hand zu nehmen. Die Geschichte ist für ihn der grandiose Erzeugungsakt der Gattung durch sich selbst. Dies bewusst zu machen., die eigene Verantwortung, das ist der Kern der Aufklärung für das Persönliche wie für das Politische.

Mit Georg Wilhelm Friedrich  Hegel wird ein neues Kapitel in der Geschichte der Philosophie aufgeschlagen. Im Denken Hegels verliert die Naturwissenschaft ihre Selbständigkeit. Hegel zeigt, dass die auf Mathematik beruhende Naturwissenschaft die Darstellung des sie betreibenden Menschen systematisch aus klammert. Aber gerade die Bewegung des Bewusstseins in der Geschichte , der Erfahrungsprozeß, in dem der Mensch sowohl die Geschichte als auch sich selbst im Zusammenhang seiner Hervorbringungen immer mehr begreift und durchschaut, sich verändert und doch gleich bleibt, unentwegt neue Lebensformen schafft, aber doch an dieselbe Natur als die Basis seines Lebens gebunden bleibt, wird für ihn zum Zentrum seiner dialektischen Betrachtung.  Naturwissenschaft ist darin nur ein Moment, so wie auch die Technik. Der Mensch ist angesiedelt zwischen dem Unendlichen und Endlichen. Es geht letzten Endes nicht um die Erkenntnis der Dinge, die in der Welt vorkommen, also nicht um Naturwissenschaft, es geht auch nicht um die Herstellung von Dingen, die in der Welt möglich sind, also nicht um Technik, es geht in erster Linie um den Menschen, um Verwirklichung des Menschen in den zählbaren Tagen, in denen er in den Unendlichkeiten von Raum und Zeit für einen endlichen  Moment die Augen aufschlägt, sein Leben vergegenwärtigen und angemessen gestalten kann. Besinnung mag wesentlicher sein als Produktion, so tätig der Mensch auch sein mag in seinen historischen Veranstaltungen.

Jetzt sind wir bei Wilhelm Dilthey angekommen, der von 1883 bis 1908 als Professor in Berlin lehrt. Dilthey steht in der beschriebenen Tradition, aber in einer konkreten Ausformung. Der Titel des Vortrags heißt Dilthey und die Hermeneutik. 

Hermeneutik wird bei Dilthey die spezifische Methode der Geisteswissenschaften überhaupt.  Das ist das Neue. Hermeneutik gibt es schon seit der Antike. Aber nie wurde sie in dem Bewusstsein vertreten,  mit ihr den Unterschied zur Naturwissenschaft methodisch zu begründen.

Die Hermeneutik hat ihren Ursprung in dem griechischen Wort hermeneuō: „erklären“, „deuten“, „interpretieren“. Das Wort leitet sich von dem griechischen Götterboten der Antike Hermes ab. In der griechischen Mythologie war er nicht nur der Überbringer von

Botschaften der Götter, sondern auch der Übersetzer dieser Botschaften. Ohne seine Interpretation blieben sie kryptisch, verschlüsselt. Hermes gilt in dieser Mythologie auch als der Erfinder der Schrift und der Sprache. In der Antike und dann im Mittelalter des Christentums diente die Hermeneutik als Kunst der Auslegung, der Exegese grundlegender Texte. Bereits Platon beschäftigte sich mit ihr, um Kriterien für die Lehre der Interpretation zu entwickeln. Die Interpretationslehre beschäftigte sich mit der Bedeutung hinter den offensichtlichen Bedeutungen. So wurde bei der Exegese (exégesis = Auslegung, Erläuterung) der Werke Homers zunächst die Bedeutung der Wörter und der Sätze kommentiert. Erst auf einer tieferen Ebene ging es darum, die allegorische (αλληγορέω – etwas anders ausdrücken) Bedeutung zu diskutieren und auszulegen.

Die Hermeneutik entsteht also keineswegs mit Dilthey. In der Generation vor Dilthey ist es vor allen anderen Friedrich Schleiermacher (1768-1834),  der im Zusammenhang mit seinen umfangreichen Übersetzungsarbeiten – den ganzen Platon hat er übersetzt – die Hermeneutik entwickelte.

Die Hermeneutik ist auch keineswegs mit Dilthey verschwunden. Nicht nur, dass sie in allen Übersetzungen und Interpretationen Tag für Tag bewußt oder unbewußt praktiziert wird – tatsächlich kommt weder eine Übersetzung noch eine Interpretation ohne hermeneutische Verfahren aus -, es gibt auch namhafte Philosophen, die sich im 20. Jahrhundert mit der Hermeneutik befassen und sie vertiefen. Ich nenne nur drei. Am bekanntesten ist wohl Hans-Georg Gadamers Werk „Wahrheit und Methode“, das 1960 herauskam. Nicht viel weniger bekannt ist Paul Ricoeurs „Die Interpretation. Ein Versuch über Freud“, erschienen 1965. Und als dritten nenne ich die gründliche Arbeit über Schleiermacher von Manfred Frank: „Das individuelle Allgemeine. Textstrukturierung und –interpretation nach Schleiermacher“ aus dem Jahre 1977. Wenigstens erwähnen muß man in diesem Zusammenhang selbstverständlich auch den aus dem Neukantianismus kommenden Ernst Cassirer mit seinen bedeutenden Arbeiten zum Begriff des Symbols.

Mir geht es in diesem Vortrag nicht um eine Einführung in die Hermeneutik – das wäre ein anderes Thema -, sondern um ihre Darstellung als eigene geisteswissenschaftliche Methode gegenüber den Naturwissenschaften. Daher die Frage: Welches sind die Argumente, die Hauptpunkte, die Dilthey anführt, um die Hermeneutik in diesen Gegensatz zu den Naturwissenschaften zu bringen? 1883 erscheint Diltheys „Einleitung in die Geisteswissenschaften“. Der Untertitel lautet: „Versuch einer Grundlegung für das Studium der Gesellschaft und Geschichte“. Das Buch leitet eine ganze Epoche der akademischen Debatte über den Unterschied von Natur- und Geisteswissenschaft ein. Im ersten Teil behandelt Dilthey die Notwendigkeit der eigenständigen Grundlegung der Geisteswissenschaften, im zweiten negiert er die traditionelle Begründung derselben. Also auch Dilthey ist ein Kind seiner Zeit: Die Geisteswissenschaften sollen wie die Naturwissenschaften, die auf Experiment und Mathematik basieren,  eine Grundlegung erhalten, die von einer nachweisbaren Realität ausgehen und keine metaphysischen Annahmen wie die Existenz Gottes oder den Weltgeist nötig haben. Welche Realität ist es, die sich sowohl von der naturwissenschaftlich erfassten unterscheidet und doch auch empirisch zugänglich ist? In der Vorrede zu dem angeführten Werk heißt es:

„Alle Wissenschaft ist Erfahrungswissenschaft, aber alle Erfahrung hat ihren ursprünglichen Zusammenhang und ihre hierdurch bestimmte Geltung in den Bedingungen unseres Bewusstseins, innerhalb dessen sie auftritt, in dem Ganzen unserer Natur. Wir bezeichnen diesen Standpunkt, der folgerecht die Unmöglichkeit einsieht, hinter diese Bedingungen zurückzugehen, gleichsam ohne Augen zu sehen oder den Blick des Erkennens hinter das Auge selber zu richten, als den erkenntnistheoretischen; die moderne Wissenschaft kann keinen anderen anerkennen.“(Bd. 1, S. XVII)

Erfahrbare Realität besäßen wir „an den in der inneren Erfahrung gegebenen Tatsachen des Bewusstseins.“(Bd.1,S. XVIII) Die innere Erfahrung gilt Dilthey als der Bereich der Geisteswissenschaften, worin sie gewissermaßen ihr Material besitzt. Was ist innere Erfahrung?  Kant hatte diesen Ausdruck  bereits in der „Kritik der reinen Vernunft“ geprägt. Für Kant gehört die Zeit zur inneren Erfahrung. Nirgendwo ist sie ansichtig, wir erleben sie aber. Zeit nehmen wir wahr an der Bewegung der Dinge im Raum, aber sie selbst entzieht sich einer unmittelbaren Wahrnehmung. Wir selbst sind dem zeitlichen Verlauf auch unterworfen,  aber zugleich ist für uns in jeder Gegenwart die Vergangenheit und die Zukunft auch präsent. Es gibt sie für uns nicht nur als formalen Ablauf  wie auf einer Skala, sondern mit Vorstellungen, Willensregungen und Gefühlen verbunden. Wir denken zurück, erinnern uns an schöne Tage, an peinliche Ereignisse, an Nackenschläge, die wir erhalten haben, an Anstrengungen, die wir bewältigt haben und die uns zu dem gemacht haben, was wir sind usw. Unsere Gegenwart ist so mit Erinnerungen an abwesende Geschehnisse gefüllt. Wir sprechen rückblickend von unserer Zeit, wir erinnern uns daran, selbst jung gewesen zu sein, wenn wir auf heutige Jugendliche treffen, die es uns schwer machen, sie zu verstehen. Wir verfallen in Melancholie, wenn wir spüren, wie die Zeit vergeht; und wir nicht festhalten können, was wir lieben.  Und manchem kann es passieren, nur noch in der Vergangenheit zu leben. Das alles ist innere Erfahrung.

Innere Erfahrung ist aber auch der Blick in die Zukunft, die Ahnung, die uns hemmt oder auch froh macht, die Sorge, dass der Einsatz sich nicht gelohnt hat, die Hoffnung, dass gegebene Versprechen eingehalten werden, die Angst vor dem Tod, der auch mich treffen wird. Wir leben mit Zielen, die in der Zukunft liegen: die Schülerin, die das Abitur machen will, der Privatmann, der sich ein Haus bauen will, der Fußballer, der endlich im nächsten Jahr Deutscher Meister werden will usw. Und wie man in der Vergangenheit leben kann, so kann man auch als Utopist in der Zukunft leben und an der Gegenwart vorübergehen. Wir leben zwar in der Gegenwart, aber die Gegenwart ist voller Vergangenheit und Zukunft, die präsent sind. Das alles ist innere Erfahrung, wobei ich nur einen Bruchteil derselben angeführt habe. Alle Erwägungen, die wir anstellen, ob wir dies oder jenes tun, ob sich dies oder das gehört, ob dies oder jenes erwartet wird, ob das eine oder das andere richtig ist, ob der Spatz in der Hand besser ist als die Taube auf dem Dach, ob man das Unmögliche wollen soll, um das Mögliche zu erreichen, alle diese Erwägungen finden ständig in unserem Innenleben statt. Eigentlich besteht unser Leben gerade darin, könnte man sagen. Aber zur inneren Erfahrung gehört noch mehr – und ich spreche hier nicht von den mystischen Erfahrungen Einzelner, die von Transpersonalem berichten -, sondern von Erfahrungen die allgemeingültig sind, also allen im eigenen Erleben zugänglich sind. Die Fähigkeit, in Gedanken über den gegenwärtigen Ort unserer Anwesenheit unendlich weit hinauszugehen, hier an diesem Ort zu sein und zugleich New York und Tokio im Bewusstsein zu haben, darüber sprechen zu können, ob man selbst jemals dort war oder nicht, zeigt eine Weite der Vorstellung in unserem Bewusstsein, die weit über unsere persönliche körperliche Reichweite hinausgeht. In unserer Vorstellungskraft ist die pure Unendlichkeit anwesend. Wir können bis an den Big Bang denken, aber zugleich fragen: Was war vorher? Wodurch ist er entstanden? Diese Vorstellungen aber der Unendlichkeit des Kosmos liegen in uns selber. Draußen sehen wir nur den Himmel wie eine Decke über uns – ob mit oder ohne Wolken.  Und wenn wir den Horizont erblicken, stellt er eine Grenze dar. Der Big Bang ist nur eine Sache der Vorstellung.

Aber damit ist unsere innere Erfahrung noch längst nicht erschöpft. Auch Naturgesetze sehen wir nicht, sondern denken uns nur. Wir sehen nur Steine, die fallen, aber nicht das Fallgesetz. Wir sehen Hebel, aber nicht die Hebelgesetze. Unser Denken geht , was die Naturgesetze betrifft, über die sinnliche Anschauung hinaus. Es wird etwas angenommen, was nicht gesehen wird. Es kann aber berechnet werden – was auch noch keine sinnliche Anschauung ist – , und es kann in Experimenten verifiziert oder falsifiziert werden. Das ist der Vorteil der Naturwissenschaften. Aber anders ist es mit Vorgängen, die nur im Inneren der Menschen bleiben. Ich nenne nur Sehnsucht, Hoffnung, Furcht, Liebe Freiheit, Stolz, Kummer.  Wir umschreiben diese inneren Vorkommnisse dann mit Worten wie: „Nimm es dir nicht zu Herzen.“ Überhaupt muß das Herz als Metapher oft einstehen, wenn wir innere Erfahrungen ausdrücken wollen. Aber wir sagen auch, dass uns etwas an die Nieren gegangen wäre.  Und so weiter. Sie kennen genug Beispiele. Ja, wie soll man Sachen ausdrücken, die nur in der inneren Erfahrung vorkommen. Wie lassen sich  Übereinstimmungen zwischen uns Menschen herstellen über innere Erfahrung? Kann es überhaupt eine Objektivität der Vorgänge der inneren Erfahrung geben? Öffnet sich hier nicht die Perspektive auf die Bodenlosigkeit der Subjektivität? Sollen wir aller inneren Erfahrung, da sie sich nicht durch Experimente im raum-zeitlichen Äußeren durch Messung dingfest machen lässt, die Realität absprechen?  Sind Schuldgefühle, die uns beschleichen, Antipathien oder auch Sympathien, die wir zu äußern fürchten, Kränkungen, die wir uns besser nicht anmerken lassen, Bekenntnisse, die andere verraten, nicht wirklich, weil sie nur im Inneren vorkommen und dort auch bleiben? Was wären wir Menschen, wenn es diese innere erfahrbare Realität nicht gäbe? Wären wir dann überhaupt noch Menschen?

Aber diese innere Erfahrung geht noch weiter. Es lässt sich viel mehr darüber sagen. Von der inneren Erfahrung des Betenden will ich gar nicht sprechen, auch nicht von der Erotik oder dem Haß. Die biologische Erklärung für diese beiden letzten Phänomene, die häufig vorgebracht wird, kann keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass sie Vorkommnisse unseres bewussten Erlebens sind, mit denen wir als solche zurecht kommen müssen. Sie aus irgendetwas abzuleiten, setzt sie nicht außer kraft. Ich selbst als bewusst entscheidende und handelnde Person bin es, die die Sache auszutragen hat. Zu wissen, dass sie aus den oder den Bedingungen hervorgegangen ist, ist im Ernstfall nur eine schlaumeierhafte zusätzliche und oft absolut unnötige Erklärung, die aus dem Dilemma oder der Betroffenheit nicht herausführt. Ich muß jetzt fertig werden mit der Situation. Und wie sagen wir: Keiner hilft dir dabei.

Ich bemühe mich, auszumalen, was innere Erfahrung ist.  Daher auch Beispiele, die den Eindruck der Trivialität vermitteln; aber sie müssen gemacht werden, um zu verdeutlichen , dass innere Erfahrung nicht irgend ein gedachter Begriff ist, sondern selbst eine ganze Welt von Vorkommnissen, in denen wir unentwegt stecken, anders: die uns, unser Leben ausmachen. Es ist nichts Theoretisches daran.  Aber es hat den Nachteil, den nicht gut zu machenden Nachteil gegenüber den naturwissenschaftlichen Fakten, dass sie nicht in Raum und Zeit verifiziert oder falsifiziert werden können. Sie sind innere Realitäten.

Wie ist eine Wissenschaft der inneren Realitäten möglich? Das genau ist die Frage der Hermeneutik. Aber ich bin noch längst nicht fertig, mit der Beschreibung der inneren Erfahrung. Zur inneren Erfahrung gehören Ideen, die uns motivieren und in der Geschichte ihre vitale Kraft entfaltet haben wie die Freiheit, der Friede oder die Gerechtigkeit. In der „Kritik der reinen Erfahrung“ stellt Kant insbesondere das Sollen als besonderes Vorkommnis innerer Erfahrung dar.

„Das Sollen drückt eine Art von Notwendigkeit und Verknüpfung von Gründen aus, die in der ganzen Natur sonst nicht vorkommen.“ ( A 547)

Auf die Erkenntnis des Sollens als ursprüngliche Anlage in uns baut sich die gesamte Morallehre Kants auf. Aber es führt bei Kant noch viel tiefer hinein in die Selbstreflexion des Menschen, was ich hier nicht ausführen kann, denn es soll ja kein Referat über Kant werden. Dilthey steht aber auf der Stufe, die von Kant bereitet wurde. Deshalb muß ich diese Gedanken zumindest skizzieren.  Die gesamte Transzendentalphilosophie, die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit der Erkenntnis bewegt sich in diesem Bereich der inneren Erfahrung – und zwar insofern innere Erfahrung nötig ist, d.h. konstitutiv ist für die äußere Erfahrung der Welt in Raum und Zeit. Es ist dies die tiefste Reflexion Kants, in der er den Nachweis führt, dass die äußere Welt, in der wir leben, konstituiert wird durch die innere. Verstand und Vernunft sind es, die der Mensch nicht außerhalb seiner wahrnimmt, sondern nur in sich in ihren Aktivitäten erfährt, wodurch die Welt in Raum und Zeit für ihn da ist, so wie er sie erkennt. Es ist das Erkenntnisvermögen des Menschen, durch das ihm die äußere Welt, so wie wir sie mit unserem Denken durchdringen, gegeben ist, wie wir sie in Wissenschaft durchdringen und durch Technik unseren Interessen nutzbar machen. Kants Transzendentalphilosophie ist die große Anstrengung, das alles  uns bewusst zu machen, was in unserem Inneren vor sich geht und vor sich gehen muß, um die Leistung zu vollbringen, von der wir in ihrer Ausübung kaum etwas bemerken, weil sie so spontan vor sich geht, und die wir Erkenntnis nennen. Nur durch die Fähigkeit der Erkenntnis, indem wir Begriffe auf Gegenstände beziehen, indem wir erkennen, was das ist, was sich uns zeigt, indem wir Begriffe von Gegenständen bilden, um diese identifizieren zu können, ist uns die Welt erschlossen. Unser Denken, das wir in unserer inneren Erfahrung  oder auch inneren Anschauung -analysieren können, – nur dort, denn es kommt außerhalb von uns nicht vor! – bringt die Welt, wie wir sie erkennen hervor, d.h. die subjektive Realität ist die unverzichtbare Voraussetzung der objektiven Realität.

Dilthey steht also auf den Schultern von Kant. Kants ausgebildeter Begriff der inneren Erfahrung  ist die Voraussetzung für Diltheys Konzeption der Hermeneutik, daher der etwas längere Ausflug zu Kant.  Während Kant aber an den Anfang seiner ganzen Erkenntniskritik die Begründung der naturwissenschaftlichen Erkenntnis setzt,  behandelt Dilthey ausschließlich die Seite der geistigen Vorkommnisse.  Sein Ausgangspunkt ist die „Unvergleichbarkeit zwischen den Beziehungen geistiger Tatsachen und den Gleichförmigkeiten materieller Vorgänge,…“ (Bd. 1,S. 12)

Die Beziehungen geistiger Tatsachen ließen sich nicht wie Eigenschaften der Materie  behandeln. In ihnen sind nicht Gesetze der Materie zu finden wie in der Physik und der Chemie. Darin sieht er seine Auffassung begründet, dass „die Unvergleichbarkeit des geistigen Lebens an den Tatsachen des Selbstbewusstseins und der mit ihm zusammenhängenden Einheit des Bewusstseins, an der Freiheit und den mit ihr verbundenen Tatsachen des sittlichen Lebens aufgezeigt“ werden kann, “im Gegensatz gegen die räumliche Gliederung und Teilbarkeit der Materie sowie gegen die mechanische Notwendigkeit…“ (Bd. 5, S. 12) Tatsächlich ist das Bewusstsein seiner selbst, das Selbstbewusstsein  kein Gegenstand der Außenwelt; wir können es nicht veräußern. Und ebenfalls ist die Einheit unseres Bewusstseins, die unsere personale Identität durch unsere gesamte Biographie aufrecht erhält und möglich macht, kein Ding, das irgendwo außerhalb von uns ansichtig zu machen wäre. Gleiches lässt sich vom Kategorischen Imperativ sagen, in welchem Kant die Freiheit mit der Moral verbindet. Wir besitzen die Befähigung zum Allgemeinen, um es uns zur Maxime, zur Richtschnur machen zu können, dass unsere einzelnen Handlungen nicht nur uns nützen, sondern der Allgemeinheit, dass sie zugleich Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung werden können, denn nichts anderes sagt Kants Sittengesetz. Das Fazit von Dilthey: „So ist also unser Wissen von Geistigem direkt oder indirekt überall auf innere Erfahrung gegründet.“ (Bd.5,S.254)

In immer wieder neuen Annäherungen umreißt Dilthey die innere Erfahrung. Und er setzt sie sogar den äußeren Erfahrungen gleich.

„Man sieht, wie der Begriff der inneren Erfahrung genau dem der äußeren und sinnlichen entspricht. Und da nur solche Zustände oder Vorgänge, die nicht nach außen verlegt werden, wie Gefühle, Affekte, Leidenschaften, Denkprozesse und Willensakte, in die innere Wahrnehmung fallen, so folgt aus dem Begriff der inneren Erfahrung, daß dieselbe auf Vorgänge und Zustände solcher Art zunächst ganz eingeschränkt ist. Da dieses Klasse von geistigen Tatsachen zu unserem praktischen Leben in nächster Beziehung stehen, so liegt zunächst die Beziehung zum praktischen Leben in dem Begriff der inneren Erfahrung vor.“

( Bd. 5, S. 245)

Für Dilthey haben die inneren Erfahrungen also eine ebensolche Gültigkeit, eine ebensolche Gewissheit wie die äußeren. Sie besitzen, wenn man zurückdenkt an den berühmten Satz von Descartes cogito ergo sum eine Gewißheit, die nicht die Sinne als  Vermittlung bedarf.  Sie haben nicht die Ungewißheit an sich wie alle äußere Erkenntnis, die durch die Bedingungen des menschlichen Erkenntnisvermögens bestimmt ist und daher nicht in das Innere der Gegenstände dringen kann, so dass Kant von einem Ding an sich spricht, dass wir nicht erkennen können. Uns sind nur deren Erscheinungen zugänglich. In das Innere der Gegenstände können wir nur bei einem blicken, nämlich uns selbst. Welcher Realität sollten wir sicherer sein?

Diese Konzentration auf das fundamentale innere bewusste Erleben des Menschen führt bei Dilthey zwangsläufig zu einer engen Verbindung von Philosophie und Psychologie. Dies ist auch der Hintergrund für Diltheys weit gespannten Bogen von der Begründung der Geisteswissenschaften bis hin zur Lebensphilosophie, zu deren Hauptvertretern er unter den deutschen Akademikern gehörte. Ich zitiere:

„Das Selbst findet sich in einem Wechsel von Zuständen, welche durch das Bewusstsein der Selbigkeit der Person als einheitlich erkannt werden; zugleich findet es sich bedingt von einer Außenwelt und zurückwirkend auf dieselbe, welche es dann doch in seinem Bewusstsein befasst und von den Akten seiner sinnlichen Wahrnehmung bestimmt weiß. Indem so die Lebenseinheit sich von dem Milieu, in welchem sie lebt, bedingt und wiederum rückwirkend auf dasselbe findet, entsteht hieraus eine …Struktur des Seelenlebens.“ Dieses würde die beschreibende Psychologie erfassen und zu einem Ganzen verknüpfen. „Dieses Ganze ist das Leben.“ (Bd. 5, S. 200)

Das Seelenleben, in dieser Durchlässigkeit zwischen Innen und Außen besteht aus Wahrnehmungen, Vorstellungen, Gefühlsregungen, Willenstätigkeiten sowie sprachlichen Denkprozessen. Die Struktur des Seelenlebens  ist kein statischer Zusammenhang, sondern ein solcher, der als lebendige, vitale Einheit in sich Ziele birgt.

„Dieser seelische Strukturzusammenhang ist nun zugleich ein teleologischer. Ein Zusammenhang, welcher Lebensfülle, Triebbefriedigung und Glück zu erwirken die Tendenz hat, ist ein Zweckzusammenhang.“ (Bd. 5, S. 207)

Dilthey resümiert: „Also zu dem Zusammenhang physischer Tatsachen in der menschlichen Organisation tritt ein solcher von geistigen Tatsachen; in den Geisteswissenschaften gelangt nun dieser Zusammenhang geistiger Tatsachen zur Erkenntnis: sonach ist es der Inhalt, welcher diese Wissenschaft abgrenzt und gliedert. Dem entspricht der Zusammenhang der Geisteswissenschaften, wie er tatsächlich existiert. Es bestehen außerhalb der Naturwissenschaften Psychologie, Philologie, Geschichte, Sprachwissenschaft, Wirtschaftslehre, Jurisprudenz, Ethik, Theologie, Ästhetik, Logik, Staatswissenschaften usw., und sie bilden einen Zusammenhang, …“( Bd. 5, S. 250)

Zunächst mag es so erscheinen, als würde Dilthey in seiner Zuwendung zur inneren Erfahrung, zur psychischen Struktur und zum Individuum die Betrachtung des Individuellen verabsolutieren, was aber von Anfang an nicht der Fall ist. Menschliches Leben ist für ihn mit dem Geist verbunden und der Geist unmittelbar mit Gesellschaft und Geschichte. Im Erleben der Individuen durchdringen sich die Bereiche des Persönlichen und des Allgemeinen. Die Individuen sind für ihn ideelle Einheiten, Kreuzungspunkte von Zusammenhängen. Er schreibt:

„Ein unendlicher Lebensreichtum entfaltet sich in dem individuellen Dasein der einzelnen Person vermöge ihrer Bezüge zu ihrem Milieu, zu anderen Menschen und Dingen. Aber jedes Individuum ist zugleich ein Kreuzungspunkt von Zusammenhängen, welche durch die Individuen hindurchgehen, in denselben bestehen, aber über ihr Leben hinausreichen und die durch den Gehalt, den Wert den Zweck, der sich in ihnen realisiert, ein selbständiges Dasein und eine eigene Entwicklung besitzen.  Sie sind so Subjekte ideeller Art.“ ((Bd.7,S. 134/5) Man mag manchmal mit Dilthey unzufrieden sein, weil er immer wieder neu ansetzt in seinen Formulierungen, also die Sachverhalte eher umschreibt und skizziert als präzise zu definieren, aber hier in diesem Zusammenhang bewährt sich seine – wenn man so will – ungenaue Darstellungsweise.: sie zerschneidet nicht die realen Zusammenhänge aus systematischer Absicht, sie lässt die Bereiche ineinander fließen, so wie es in der Wirklichkeit auch der Fall ist. Im menschlichen Erleben durchdringen sich Außen und Innen, das intimste – vielleicht erotische oder religiöse – Empfinden mit gesellschaftlichen Einflüssen. Er spricht von den Menschen – wie in dem soeben vorgelesenen Zitat – als Subjekten ideeller Art. Und er meint etwas sehr Präzises damit, was aber immer mit einer prinzipiellen Unbestimmtheit verbunden bleibt. Der einzelne Mensch ist keine Kategorie, er ist keine Personifikation allgemeiner Kategorien, ob der Wirtschaft, der sozialen Verhältnisse, des Zeitgeists oder einer psychischen Kindheitsprägung. Der einzelne Mensch ist ein Durcheinander – um es grob auszudrücken – zwischen den verschiedensten Einflüssen: der Familie, der sozialen Umgebung, der Weltanschauung, der Bücher und der Personen, mit denen er in Berührung kommt, der Talente und Eigenheiten, die er besitzt, der physischen Kraft und Gesundheit, mit der er ausgestattet ist. Unentwegt schießen ethische und ästhetische Empfindungen, Willensregungen und Gedanken durch den Kopf. Die Gesellschaft, Gott, Welt, Wir, Du und Ich : alles zusammen findet ein ununterbrochenes komplexes Stelldichein in einem jeden. Dilthey versucht dieser Realität gerecht zu werden. Menschen sind daher für ihn nur als Wirkungszusammenhänge in ihrer inneren Vielfalt deutbar. Sie sind ideelle Einheiten und dadurch Subjekte. Sie sind nicht nur das Subjekt der Erkenntnistheorie oder das Produkt der Sozialisation. Sie sind das eigene: einmalige Menschen. Sie gehen in keiner festen Form auf. Sie sind nichts Abgeschlossenes, sie haben mit allen Bereichen der Wissenschaft zu tun, mit der Chemie, weil im Organismus ununterbrochen chemische Prozesse ablaufen, mit der Physik, weil das Körperempfinden, das Empfinden der Schwerkraft für den aufrechten Gang unverzichtbar ist, mit der Atmosphäre und dem Kosmos, weil sie wissen, auf einem Planeten in der Unendlichkeit von Raum und Zeit zu existieren, mit der Religion, weil die ganze Welt ein unerschöpfliches geheimnisvolles, großartiges Gebilde ist, mit der Mathematik, weil durch sie die Ordnung gegeben ist, mit der Kultur, weil es die Sprache und die Märchen gibt, in denen wir groß werden, mit der Gesellschaft, weil wir unter Menschen aufwachsen und in der Gemeinschaft unser tätiges Leben verbringen. Nur wo der Mensch, jeder einzelne, in dieser seiner Vielfalt anerkannt ist, wird es eine Gesellschaft geben können, in der Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden zusammengehen. Dies klar herausgestellt zu haben, ist eines der Verdienste Diltheys. Daß diese Einheit  der vielen Bereiche im Bewusstsein des Menschen nur eine ideelle sein kann, versteht sich von selbst. Diese Bereiche können sich nicht wie verschiedene Materien materiell mischen, sie durchdringen sich immateriell wie Gedanken, Gefühle und Regungen unseres Willens in unserem Bewusstsein.  Daher sind die Menschen wie Dilthey sagt „Subjekte ideeller Art“. Bei Dilthey erlangt jener berühmte Satz von Kant den besten theoretischen Ausdruck: Der Mensch sei aus solch krummem Holze geschnitzt, dass sich aus ihm nichts Gerades schnitzen lasse.

Nun möchte ich zum eigentlich Hermeneutischen kommen. Wenn der Mensch eine ideelle Einheit ist, dann muß er so verstanden, gedeutet und behandelt werden. Wissenschaftlich ihn so zu erfassen, ist das  Bemühen der Hermeneutik, wenn man es in einem Satz sagen möchte. Noch einmal: Warum ist der Mensch ein ideelles Wesen? Natürlich hat er einen Körper, aber er ist nicht nur Körper, sondern hat auch ein bewusstes Verhältnis zu seinem Körper. Er kann entscheiden, ob er sich einer Operation unterzieht oder nicht. Er kann entscheiden, welche ästhetische Wirkung er ihm verleiht. Er kann entscheiden, wie hygienisch er mit ihm umgeht usw. Wir haben ein bewusstes Verhältnis zu unserem Körper. Und wir sind nicht nur der endliche Körper, sondern zugleich das unendliche Bewusstsein, der Wirkungszusammenhang der verschiedensten Realitätsbereiche, über den ich soeben sprach. Der Mensch ist also eine hochkomplexe, bewusste Einheit, in der sogar ein Wissen vom Unbewussten seinen Platz findet. Es ist eine Einheit unbestimmter Vielheit, was nur im Geistigen, also ohne materielle Substanz möglich ist.  Ich sagte, die Hermeneutik ist die Methode, die dies zum Ausdruck zu bringen versucht. Sie ist die Methode der sensiblen Zuwendung zum individuellen Menschen, der nicht einfach unter Kategorien gebracht wird. Kategorien sind höchstens Faktoren im Wirkungszusammenhang, den die Individuen darstellen. Eine Subsumtion unter Kategorien ist stets eine Verfehlung. Hermeneutik ist das Verfahren gegen jede Art der Verdinglichung des Menschen.

Wie muß nun das Verfahren angewandt werden, um die Individuen  darzustellen, ohne sie in ihrer Komplexität einzuschränken? Die Antwort darauf ist die Hermeneutik. Das berühmte hierher gehörige Zitat Diltheys heißt:

„Die Geisteswissenschaften beruhen auf dem Verhältnis von Erlebnis, Ausdruck und Verstehen.“ (Bd.7, S. 131)  Was ist ein Erlebnis? Es ist das Komplexeste, was wir uns vorstellen können. Dilthey schreibt – es ist eine der Formulierungen für den Sachverhalt -, um die Komplexität des individuellen Erlebnisses auszudrücken:

„Anschauung, Erinnerung, Totalvorstellung, Namengebung, Urteil, Unterordnung des Besonderen unter das Allgemeine, Verbindung von Teilen zu einem Ganzen – das alles sind Weisen des Auffassens: ohne dass der Gegenstand zu wechseln braucht, ändert sich die Art und Weise des Bewusstseins, in der er für uns da ist, wenn man von Anschauung zur Erinnerung oder zum Urteil übergeht. Die ihnen gemeinsame Richtung auf denselben Gegenstand verbindet sie zu einem teleologischen Zusammenhang.“ (Bd. 7, S. 127/8)

„Die Vollendung aller im Erleben oder Angeschauten enthaltenen Relationen wäre der Begriff der Welt.“ (Bd. 7, S. 129) Oder an anderer Stelle:

„Der Lebensbezug, sei er auf einen gegebenen Moment eingeschränkt oder dauernd, macht diese Menschen und Gegenstände für mich zu Trägern von Glück, Erweiterung meines Daseins, Erhöhung meiner Kraft, oder sie schränken in diesem Bezug den Spielraum meines Daseins ein, sie über einen Druck auf mich, sie vermindern meine Kraft. Und den Prädikaten, die so die Dinge nur im Lebensbezug zu mir erhalten, entspricht der aus ihm stammende Wechsel der Zustände in mir selbst. Auf diesem Untergrund des Lebens treten dann gegenständliches Auffassen, Wertgeben, Zwecksetzen als Typen der Verhaltens in unzähligen Nuancen, die ineinander übergehen, hervor. Sie sind im Lebenslauf zu inneren Zusammenhängen verbunden, welche alle Betätigung und Entwicklung umfassen und bestimmen.“ (Bd. 7,S. 131/2)

Oder noch ein Ausdruck für diese komprimierte Einheit des Individuellen:

„In den einzelnen tatsächlichen Lebensbezügen, die zwischen dem Ich einerseits und Dingen und Menschen andererseits auftreten, entstehen die einzelnen Zustände des Lebens: differenzierte Lagen des Selbst, Gefühle von Druck oder Steigerung des Daseins, Verlangen nach einem Gegenstand, Furcht oder Hoffnung.“ (Bd. 7, S. 133)

Das Individuum, das ein geistiges Gebilde in der Einheit von Sein und Bewusstsein ist, das Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart vereinigt, durch das die Ströme der Gefühle, des Willens und der Vorstellungen und Phantasien ununterbrochen sich durchkreuzend und vermischend hindurchziehen, kann nur mit einer Methode erfasst werden, die diesem Knäuel von Realität angemessen ist. Die Situation, in der sich dieses geballte Ineinander zu einer Einheit fügt, ist das Erlebnis. Aus dem Erlebnis heraus schafft der Dichter und Künstler seine Werke. Er vergegenständlicht, verobjektiviert seine innere Komplexität, indem er ihr einen Ausdruck verleiht. Dieser Ausdruck – große Kunst gibt mehr, schlechte wenig von der Komplexität wieder –  muß nachempfunden, es muß nachgebildet werden, man muß sich in es hineinversetzen, um es zu verstehen. Das Verstehen ist der Kardinalbegriff der Hermeneutik.  Was ist wichtiger unter Menschen, als dass sie sich Verstehen? In allen Gesprächen kommt es darauf an, wenn man nicht – wie wir sagen – aneinander vorbeireden will. Verstanden werden muß auch alles, was uns schriftlich oder auch in anderer künstlerischer Form überliefert worden ist. Eng verbindet sich hier die Philosophie mit der Philologie.

„Da nun das geistige Leben nur in der Sprache seinen vollständigen, erschöpfenden und darum eine objektive Auffassung ermöglichenden Ausdruck findet, so vollendet sich dei Auslegung in der Interpretation der in der Schrift enthaltenen Reste menschlichen Daseins. Diese Kunst ist die Grundlage der Philosophie. Und die Wissenschaft dieser Kunst ist die Hermeneutik.“ (Bd. 7, S. 217)

Dilthey selbst hat in seiner bekanntesten Schrift „Das Erlebnis und die Dichtung“, in der er Lessing, Goethe, Novalis und Hölderlin behandelt, ein Beispiel des hermeneutischen Verstehens gegeben.

Hermeneutik hat es zunächst mit dem einfachsten Fall des Verstehens zu tun,  dem Verstehen eines Satzes. Aber ihr eigentliches Anliegen ist es, in die Wertgebungen und die Bedeutungen von Entscheidungen und Handlungen einzudringen, die für die einzelnen innerhalb des Ganzen einer singulären Biographie das Charakteristische, das Identitätsstiftende, das Sinngebende sind. Gesellschaft oder die Kultur, das Allgemeine, worin wir unser Zusammenleben haben: Wo kommt es vor? Nicht abgelöst von den einzelnen Menschen, nur in den Individuen selbst. Alle Institutionen sind nur selber partikulare Einrichtungen, die Gemeinschaftliches verwalten oder regeln.  Das Allgemeine selbst aber kommt nur in den Individuen vor. Es ist das Unsichtbare uns Verbindende, das sich immer bitter rächt, wenn es unberücksichtigt bleibt.

Ich könnte nun noch ein ganze Weile fortfahren, weitere Zitate über die Lebenszusammenhänge vorzutragen. Aber es gilt, daraus Konsequenzen zu ziehen. Weil der Mensch ein solches geistiges komplexes Gebilde ist, das nirgendwo anders vorkommt, bedarf es erstens einer besonderen Erkenntnisweise dieses Wesens. Es kann weder gemessen, noch Mathematik auf es angewendet werden. Es hat nichts mit Physik, Chemie oder Biologie zu tun. Wenn der Mensch sich derart zu erfassen versucht, geht er immer an sich selbst vorbei. Zweitens: Da es im Inneren des Menschen vorkommt, kann es nur von Menschen durch Formen der Selbstreflexion als Selbst verstanden werden oder durch Formen des Nachempfindens gegenüber anderen, seien es lebendige Gesprächspartner oder die schriftlichen Hinterlassenschaften früher gelebter.  Drittens – und das ist von ausschlaggebender Bedeutung-: Es kann nicht vergegenständlicht werden, es kann in seiner Realität, die es nur im Innern der Menschen besitzt, nicht adäquat dargestellt werden: Alles Innere bleibt etwas anderes als sein Ausdruck. Wortzeichen der Dichtung sind nicht das Leben selbst. Das Bewusstsein in seiner Weite lässt sich nicht in einer Gestalt mit konkreter Ausdehnung materialisieren. Viertens liegt darin die Konsequenz, dass die Sache, um die es geht, das Innere des Menschen stets im nicht völlig Durchsichtigen, im letztlich Unbestimmbaren, im Dunkel, im Geheimnis eingehüllt bleibt, ob wir wollen oder nicht. Es ist ein Wunder, dass wir uns trotzdem miteinander verständigen können, obwohl jeder ein Abgrund von persönlichsten Erlebnissen,  Erinnerung, Hoffnung, Verzweiflung, Glück und Elend ist – und niemand sich in den anderen vollkommen hinein zu versetzen vermag. Die gelingende, verstehende Kommunikation und die so immer wieder zustande kommende Zwischenmenschlichkeit ist das größte Ereignis und Wunder, das es gibt. Das tiefste, gelingende Nachempfinden, mehr als die grammatikalische Interpretation, mehr als die psychologische Interpretation, mehr als die Divination, das „Einleben“ Schleiermachers gelangt nicht zu einer vollkommen adäquaten Offenlegung der Lebenszusammenhänge, selbst wenn wir einen Autor besser verstehen als er sich selbst verstand, wie Schleiermacher ebenfalls sagte.  Das Innere lässt sich nicht nach außen kehren.  Selbst das eigene Sein , die eigene Existenz bleibt für uns eine Deutung.

„So ist in allem Verstehen ein Irrationales, wie das Leben selber ein solches ist; es kann durch keine Formeln logischer Leistungen repräsentiert werden.“ (Bd. 7, S. 218)

Und dies ist die Krux an der Sache. Dilthey weiter:

„Wenn wir nun sehen, dass Denkgesetze und Denkformen in jedem Teile der Wissenschaft Geltung haben und auch in den Methoden gemäß der Stellung des Erkennens zur Wirklichkeit eine weitgehende Verwandtschaft besteht, so treten wir mit dem Verstehen (d.h. mit der Hermeneutik) in Verfahrensweisen ein, die keine Art Analogie mit den naturwissenschaftlichen Methoden haben.“ ( Bd. 7, S. 219)

Der Siegeszug der Naturwissenschaften in Verbindung mit der Technik und der Ökonomie, wie wir ihn seit dem 16. Jahrhundert erleben, beruht auf der Möglichkeit, Hypothesen, also Gedachtes in Experimenten zu überprüfen, zu beweisen und mathematisch exakt auszudrücken. Beides ist mit den Subjekten, die ideelle Wesen sind, nicht möglich – es sei denn, sie werden als materielle Dinge angesehen und so behandelt. Die unentwegten Versuche in der modernen Gesellschaft – bis in unsere Tage hinein – den Menschen naturwissenschaftlich  – und das heißt von außen – zu erfassen, ist historisch gesehen, die schwerste Verirrung, die sich ein vernunftbegabtes Wesen zufügen kann.

Aber andererseits kann man das auch verstehen, denn was liegt näher, als die erfolgreiche Methode, mit der die Natur durchschaut und den eigenen Zwecken nutzbar gemacht wurde, auch auf den Menschen selbst anzuwenden? Ist es nicht vernünftig, die Beweisbarkeit selbst, wie sie in den exakten Naturwissenschaften gegeben ist, als Maßstab für jede Erkenntnis zu setzen? Oder umgekehrt: Sollen wieder die Irrationalität und der Obskurantismus mit all ihren verheerenden Folgen – bis hin zum Faschismus – in den ehernen Sälen der Wissenschaft zugelassen sein? Soll wieder alles durcheinander kommen? Soll das Maß verloren gehen, nachdem es durch wissenschaftliche Rationalität gesetzt worden ist?

Aber dagegen dann wieder: Soll deshalb, weil sich das Wesen des Menschen der Naturwissenschaft entzieht, aufgegeben werden, es angemessen erkennen zu wollen? Soll deswegen, weil das Wesen des Menschen in den Grenzen der Naturwissenschaft nicht angemessen erfasst wird, die Wirklichkeit des Menschen verstummen, ausgeschlossen bleiben aus dem Bereich der Erkenntnis? Soll deswegen, weil die mathematische  Naturwissenschaft Sicherheit in der Erkenntnis gewährleistet, Verzicht auf die Erkenntnis des Menschen geleistet werden?

Die menschliche Wirklichkeit, die zu einem großen Teil in der inneren Erfahrung beruht, hat eine eigene Form der Repräsentation. Sie liegt nicht auf der Hand, sie ist nicht unter das Mikroskop zu legen, auch kein Maßband ist ihr anzulegen, sie ist auch nicht auf irgend etwas zurückzuführen, denn sie ist selbst der Ausgangspunkt aller Realität, denn ohne Bewusstsein existiert für uns nichts mehr, weil wir dann keine Menschen sind, also:

Die einzige Form der Repräsentation des menschlichen Inneren besteht darin, dass wir selbst gegenseitig zustimmen zu Äußerungen, in denen ein anderer etwas zu uns sagt und dabei sein Inneres zu erkennen gibt, es uns aufschließt. Nur deswegen, weil wir selbst es in uns haben, können wir die inneren Erfahrungen der anderen Menschen verstehen. Die Zustimmung ist die Form der Veröffentlichung und Bestätigung und Verifikation des Inneren. Durch die gegenseitige Veröffentlichung wird das Innere etwas allgemein Gültiges.  Zu der Veröffentlichung gehört die Zustimmung. Die Zustimmung allein gibt die Sicherheit, dass das, was bei mir ist, auch bei den anderen innere Realität ist. Ohne zum Beispiel Verzweiflung zu kennen, würde kein Hirnforscher erkennen können, was im Gehirn geschieht, wenn ein Mensch verzweifelt ist. Der Ausgangspunkt ist unser bewusstes Erleben, das wir als Maßstab in uns tragen.

Aber wie kann es Wissenschaft dieser inneren Erfahrung geben? Niemals wird sie eine objektive Qualität besitzen wie die naturwissenschaftliche Erkenntnis. Aber indem wir Menschen uns über unser Inneres aufklären, können wir es gemeinsam allmählich im Sinne des Wortes ent-decken, können wir es herausbringen wie die Gesetze, die wir uns geben.  Dies ist eigentlich der Kern dessen, was Humanität genannt wird. Nur die gemeinsame tätige Selbstdeutung des Menschen ist dazu in der Lage. Sie liegt in uns. Aber  wir müssen sie an das Tageslicht bringen. Es kommt darauf an, dass wir uns etwas zur Maxime machen. Kommunikatives Handeln der Menschen – um den Titel eines großen Werks von Jürgen Habermas zu benutzen – ist die Form der Produktion, in der das herausgestellt wird, objektive Vernunft wird, was Vernunft im Innersten ist. Dies ist dann auch nichts anderes als die Praktische Vernunft, die Immanuel Kant lehrt. Die Hermeneutik, wenn sie auch weder eine eigene Gesellschaftstheorie begründet, geschweige denn eine Begründung der Naturwissenschaften liefert, also in dem Sinne auch wirklich einseitig ist, hebt doch ein Phänomen in den Mittelpunkt unseres Bewusstseins, das mehr ist als eine Technik zur Übersetzung, nämlich, dass es bei allem Menschlichen immer um das Verstehen geht. Und dies betrifft dann sogar auch die Naturwissenschaften, denn wie sollten deren Ergebnisse Gültigkeit besitzen, ohne das Verständnis der Experten gegenseitig. Eine Welt, in welcher sich die Menschen verstehen, wäre die Kurzbezeichnung für eine gültige Utopie.