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Die Realität des Inneren

Der Einfluss der deutschen Mystik auf die deutsche Philosophie.
Hrsg. Gerhard Stamer, 2001 Rodopi, Amsterdam – New York.

Die konzentrierte innere Erfahrung der deutschen Mystik war eine wichtige Quelle der  deutschen Philosophie. Nicht nur innerhalb der philosophischen Tradition, sondern auch in den Bauernkriegen des 16. Jahrhunderts und auch in der Reformation spielten mystische  Motive eine beachtliche Rolle und übten in der Folgezeit Einfluss auf die Medizin  Paracelsus), aber auch auf die Dichtung und die Musik aus.

Dass der Nationalsozialismus die Mystik für die eigene Ideologie gebrauchte, hatte zur  Folge, dass seit dem Zweiten Weltkrieg der Einfluss der deutschen Mystik auf die  Entwicklung der ganzen deutschen Philosophie nahezu nicht thematisiert, eher tabuisiert wurde.

Mystik selbst ist in erster Linie ein Wissen um die innere Erfahrung des Menschen, um das, was der Introspektion zugänglich ist. Aus ihr entspringen nicht nur bedeutsame Impulse für das religiöse Bewusstsein, sondern auch für die ethische und ästhetische Sensibilität der Kultur insgesamt.

Die Gegenwartsprobleme fordern zu einer Belebung der mystischen Traditionslinie heraus. Wenn wir nicht an die Äußerlichkeit der von Wissenschaft, Technik und Ökonomie  dominierten Lebenswelt verfallen wollen, ist es unumgänglich, an diese eigenen Wurzeln zu erinnern.

In dieser hier vorgelegten Reihe von Beiträgen, die erstmalig diese Traditionslinie als  systematischen und historischen Zusammenhang vorstellt, geht es um die Aneignung der eigenen Geschichte als der Verbindung der zwei Seiten unserer Kultur, der Äußeren und des Inneren. Das Innere ist durchaus nicht das Irreale, das Unwirkliche, auch wenn es nicht experimentell zu erschließen ist wie das in ‚Raum und Zeit Gegebene. Das Innere ist nicht nur eine eigene Dimension, die Wirklichkeitscharakter besitzt, sondern darüberhinaus eine strukturbildende Kraft, die die Form unserer Außenwelt prägt.

Herausgegeben von Dr. Gerhard Stamer, ISBN 90-420-1206-4, Editions Rodopi B. V., Amsterdam, New York

Beiträge einer Vortragsreihe, die REFLEX vom Mai bis zum November 2000 durchführte.

Parmenides

Kurzer Traktat über die Ursprungserfahrung der Philosophie.
1999 Edition Dialogos Hannover.

Gerhard Stamers Traktat führt das Denken zu dem Einheitspunkt zurück, wo Mystik  und Empirie, Ontologie und Aufklärung, Lebendigkeit und Abstraktion ihre  gemeinsame Wurzel haben. In einer eigenen ursprünglichen Weise stellt sich ein  Philosophieren in den Ursprung der Philosophie hinein.Das Verhältnis von Denken und  Sein, die Wahrheit, tritt als die unergründliche Existenzbedingung der menschlichen  Gattung hervor.
Die Fragmente, die von Parmenides überliefert sind, stammen aus dem fünften bis  sechsten Jahrhundert vor Christus. Obwohl seine Ausdrucksweise von einer  außerordentlichen Prägnanz ist, haben seine Gedanken nicht nur zu den konträrsten  Interpretationen Anlass gegeben, sondern sogar geistig-kulturelle Strömungen begründet, die über diesen ganze historischen Zeitraum miteinander in Fehde lagen: die mystisch- religiöse Einheitsschau auf der einen Seite und die sich auf die cEmpirie stützende  wissenschaftliche Objektivität auf der anderen. Auch im 19. Jahrhundert schieden sich an  Parmenides die Geister. So wurde ihm von Hegel höchste Würdigung zuteil, während  Nitzsche mit schroffster Ablehnung von ihm spricht. Für Hegel ist Parmenides der Denker des Anfangs, des einen Seins, der zum ersten Male „mit der reinen _Begeisterung des  Denkens“ dieses selbst „in seiner Absolutheit“ erfasste und „das Element der Wissenschaft“ erschuf. Nietzsche – in seiner lebensphilosophischen Sicht – hingegen sieht sich von  Parmenides in das „kalte Bad seiner furchtbaren Abstraktionen“ gestürzt. Er kann sich mit dessen „durch jede Wirklichkeit ungetrübten und völlig blutlosen Abstraktionen“ nicht  anfreunden. Es sieht in ihm den Prototypen einer das Leben tötenden Rationalität.
(Originaler Text aus dem Jahr der Veröffentlichung.)

Greifen nach Sternen und Steinen

Zum Lernprozess und zur Selbstreflexion der Neuen Sozialen Bewegungen (1968-1988).
1989 Materialis Verlag, Frankfurt am Main, ISBN 3-88535-I30-7.

Das Jahr 1968 ist zum Symbol geworden für den Aufbruch einer weltweiten, linken  Opposition. Generationen von Jugendlichen haben sich diesem seither – mit verschiedenen  konkreten Zielsetzungen und unterschiedlichen kulturellen Stilen – angeschlossen.  Dennoch hat sich kein grundlegender Wandel in en Verhältnissen vollzogen.  Demgegenüber ist zwar ist zwar der Wandel in den Beziehungen und in den  Subjektverfassungen unbestreitbar, er reicht aber offenbar noch nicht aus, um eine  weitergehende Wandlung zu induzieren.
Angesichts des in unseren Tagen verbreiteten Katastrophismus kommt es darauf an, neue Problematisierungen und Praktiken zu entwickeln, die die Träume von einem Reich der  Freiheit neu aktualisieren. Es geht darum,mit überraschenden Neuorientierungen und  Aktionen, die linke Opposition zu beleben.
Dieses Buch sucht den Zusammenhang, die Entwicklung und den Lernprozess der neuen sozialen Bewegungen und des politischen Widerstands in der Bundesrepublik von 1968 bis heute darzustellen.
Es will damit Beiträge für die Erarbeitung eines Selbstbewusstseins der neuen sozialen  Bewegungen erbringen. Unter den Leitfragen: Wo kommen wir her? Wo stehen wir? Wohin wollen wir? werden folgende Themen diskutiert:

  • Individuelle und gesellschaftliche Emanzipation
  • Politische Opposition zwischen innen und außenpolitischer Orientierung
  • Systemveränderung und Reformpolitik
  • Neue soziale Bewegungen und Arbeiterbewegung
  • Frauenbewegung – Vom Weiberrat zum Frauenbeauftragten
  • Erwachsenenbildung zwischen politischer Bildung und Qualifizierungsoffensive
  • Selbstorganisation contra Haushaltskürzungen.

Die Kunst des Unmöglichen oder die Politik der Befreiung

Über Eduard Bernsteins halbherzigen Versuch, Marx mit Kant zu korrigieren.
Gerhard Stamer, 1989 Materialis Verlag, Frankfurt am Main.

Diese Arbeit entspringt dem Interesse an der Bewältigung eigener politischer Erfahrung. Der Autor, der 68er Generation zugehörig, untersucht an einem historischen Zusammenhang systematische Probleme, die sich auch in der gegenwärtigen Praxis unumgänglich stellen. Die ‚Strukturen vorherrschender Politikformen, wie sie in den Konzeptionen von Reform und Revolution zum Ausdruck kommen, werden einer erkenntnistheoretischen Analyse unterzogen. Die Thematisierung von Bernsteins Revisionismus zu diesem Zweck liegt deshalb nahe, weil seine Bedeutung vor allem darin beruht, die Erkenntnistheorie Kants auf die an der Theorie von Marx und Engels orientierte Politik der deutschen Sozialdemokratie vor dem 1. Weltkrieg bezogen zu haben. Die offizielle Verurteilung,, die der Revisionismus in der Arbeiterbewegung erfuhr, bedeutete die Negation der erkenntnistheoretischen Fragestellung für die sozialistische Politik. Ohne die Anwendung der Erkenntnistheorie auf Theorie und Praxis, Analyse und Strategie, ist es jedoch nicht möglich, emanzipatorische Politik  als Lernprozess zu organisieren. Wo dies aber nicht geschieht, ist sie zum Scheitern verurteilt.

In der hier vorliegenden Untersuchung führt der Autor den Nachweis, dass der Reformismus, wie ihn _Bernstein begründete, als auch sein Kontrahent, der Dogmatismus, Erscheinungsformen der Lernunfähigkeit emanzipatorischen Bewusstseins sind. Eduard Bernstein konnte die gestellte Aufgabe nicht lösen, denn er hatte einen eingeschränkten Erkenntnisbegriff. Er zog für die sozialistischen Politik nur die Konsequenz aus Kants „Kritik der reinen Vernunft“, nicht aber aus dessen „Kritik der praktischen Vernunft“. Im Rückgang aber auf Motive dieser Schrift – insbesondere dem Freiheitsbegriff – liegen die Ansätze, um über die Denkblockaden von Reformismus und Dogmatismus hinauszukommen.